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Vor einigen Jahren hörte ich zum ersten Mal von der „Verborgenen Sängerin“, einer geheimnisvollen Sänge­rin und Performerin, die ausschließlich unter freiem Himmel singt. Bis dahin war sie vor allem in ländlichen Gegenden in Erscheinung getreten. Es hieß, sie tauche unangekündigt irgendwo auf, am Ackerrand, inmitten einer Almwiese, am Gipfelkreuz eines Berges, an touristisch frequentierten Plätzen und einsamen Orten, an Kreu­zungen von Spazier- und Wanderwegen. Und dann singe sie, und das sei unglaublich!

Ich wurde neugierig und begann zu recherchieren. Wer war die Frau? Wo konnte ich sie finden? Be­saß sie keine Website, machte sie niemals Werbung? Nach und nach erfuhr ich einige weitere Details, doch sämtliche Aussagen über die Sängerin erschienen eigenartig, teilweise unglaubwürdig, rätselhaft, kurios. Je mehr ich mich mit der Sache beschäftigte, desto größer wurde mein Wunsch, die Verborgene Sängerin zu sehen, einen ihrer Auftritte zu erleben und ihren Gesang zu hören. Man sagte mir, wer sie wirklich finden möchte, wird ihr früher oder später begegnen. Und: Man brauche Zuversicht, Zeit und Geduld.

Anfang März 2020 sollte die Verborgene Sängerin für einige Zeit in meine Stadt kommen. Ich beschloss, sie zu suchen und fragte den Fotografen Franz Kimmel, ob er mich begleiten wolle. Doch statt der Sängerin kam Corona, und unser Vorhaben nahm eine etwas andere Wendung. Franz und ich gingen durch die Stadt, wir schauten, hörten, hielten Ausschau. Franz fotografierte, ich schrieb. Die Stadt selbst wurde zur verborgenen Sängerin. Nach und nach entstand eine Erzählung in dreißig Episoden über die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner, über Orte und Personen, Geschichte und Gegenwart.

Bis heute weiß ich nicht, ob die Verborgene Sängerin, nach der Franz und ich ursprünglich suchten, wirklich existiert. Ich habe nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht war sie ohnehin nur eine Kunstgestalt, eine Fiktion. Eine Idee von der Art der Ideen, die für kurze Momente Gestalt annehmen, jemanden infizieren und – sobald man genauer hinschaut – wieder vergehen. Vielleicht werden wir die Wahrheit über die Verborgene Sängerin nie heraus­finden, weil genau dies das wahre Wesen des Verborgenen ist.

Vom 11. November bis 9. Dezember 2020 nahmen wir auf Einladung der Monacensia im Hildebrandhaus teil am Projekt Frauen und Erinnerungskultur – Blockparade #femaleheritage.

Was bisher geschah:

(1) Theresienwiese. Losgehen: Corona statt Bavaria

(2) Rund ums Haus der Kunst. Kurz vor Drosselung der Eisbachwelle

(3) Singen im Verborgenen. Die Stadt war schön und leer.

(4) Die kalte Präzision der Zahlen… Sich verstecken oder verbergen?

(5) Täglich an die Luft gehen, Waldbaden light

(6) Doch. Weitermachen. Große Stadtrundfahrt.

(7) Betrachtungen über den (neuen) Himmel

(8) Westfriedhof. Nun ward der Frühling unserer Distanz

(9.1) Hofgarten. Mit dem Herumlaufen allein ist es nicht getan

(9.2) Opernplatz. Vom Absagen, Verschieben und der Systemrelevanz

(10) Arnulfpark. Verbrechen und andere Sehenswürdigkeiten

(11.1) Ferdinand-Miller-Platz. Elfenbeinturm vergangener Tage

(11.2) Maxvorstadt, Ferdinand-Miller-Platz. Ramadama, Wochenmarkt

(12.1) Olympiagelände, alter S-Bahnhof. Utopien und Heilige

(12.2) Olympisches Dorf. The games must go on!

(13) Ost-West-Friedenskirche. Wie macht sich das Leise bemerkbar?

(14.1) Schellingstraße rauf und runter, Teil 1

(14.2) Schellingstraße runter und rauf, Teil 2

(15.1) Die heilige Johanna vom Münchner Schlachthof

(15.2) Schlachthofgelände. Ein Garten aus Stahl und Farbe

(16.1) Isaraufwärts, Isarabwärts. Sommer in der Stadt

(16.2) Flussauf, flussab. Standbilder stürzen an der Isar

(17) Bogenhausen. Nachdenken über einen kleinen Höhenunterschied

(18) Dem Himmel näher. Riesenradfahren am Königsplatz

(19.1) Karlsplatz, Stachus. Doppeltes Spiel

(19.2) Stachusgeschichten und Parkhausoasen

(20) Zurück zum Ausgangspunkt, Palmen auf der Theresienwiese

(21.1) Obergiesing, wo Münchens große Liebe wohnt

(21.2) Das Glück und die Gier

(22) Giesing again. Ab dem dritten Mal wird es gefährlich…

(23.1) Untergiesing, am Auer Mühlbach. Die Inzidenzwerte steigen

(23.2) Von Untergiesing bis Amsterdam. Die Geschichte der Annemie Wolff

(24) Ach, Amerika! Kreisen am Karolinenplatz

(25.1) Am Acker in Obermenzing, Bodenkunde mit Annie Francé-Harrar

(25.2) Über das Leben nach dem Tod, Bodenbetrachtungen, Teil 2

(26.1) Am Nymphenburger Schloss. Jahresende, Zeitenwende, Winterkälte

(26.2) Vom Klang der Schritte und der Mondlandschaft des Parks

(27) Das zweite Jahr. Vom Gasteig nach Haidhausen

(28) In Lüften reiche Schätze. Werksviertel beim Ostbahnhof

(29) Menschen und Knospen. Sendling, neuer Gasteig, Großmarktgelände

(30) Luise-Kiesselbach-Platz. Die verborgene Sängerin, vorerst letzte Folge

Fotos: Franz Kimmel