„Ich möchte laut über die Mauern hinausrufen: O bitte beachten Sie doch diesen herrlichen Tag! Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind, den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen, silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Beachten Sie doch die Luft, die vom leidenschaftlichen Atem der Lindenblüten schwer ist, und den Glanz und die Herrlichkeit, die auf diesem Tag liegen; denn dieser Tag kommt nie, nie wieder!“  (Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis)

Gestern haben wir ein Flugzeug gesehen. Der Mann, der mit mir im selben Hausstand lebt, und ich standen vor der Tür, schnupperten Frühlingslust – das sollte eigentlich Luft heißen – da war das Flugzeug über uns. Ein großer weißglänzender eleganter Frachter. Er malte zwei ansehnliche Kondensstreifen auf den stillen hellblauen Himmelsozean, den er wie ein Geisterschiff aus der Ungewissheit kommend durchkreuzte. Woher? Wohin? So etwas hatten wir lange nicht gesehen.
Verbote aller Art wirken sich stets ein wenig (oder sehr) infantilisierend aus auf diejenigen, denen verboten wird. Und so staunten wir gleich Kindern (und lachten auch ein bisschen über uns selbst). Schau, ein Flugzeug!

Seit zwei Wochen versuche ich einen Text über den Himmel zu schreiben. Eine Ode an diesen neuen leeren Himmel über uns, der ja nicht wirklich leer ist, nur freier von Flugverkehr. So muss der Himmel früher gewesen sein, in einem Früher, das wir aus eigener Erfahrung noch gar nicht kennen. Die Wolken sehen aus wie immer, wie Wolken, wolkig, selbsterklärend, frühlingszart. Wattebäusche und Zuckerwatten. Traumtiere aus den Weiten des Universums herangeweht, um meiner erdenschweren Phantasie durchsichtige Flügel zu verleihen. Und nie ist klar, ob der Himmel die Wolken gebiert oder die Wolken den Himmel. Oder ob der neue, wieder unschuldig gewordene Coronahimmel andere Wolken haucht als der zuvor. Jungfräuliche Wolken, aus reinem heiligem Geist gezeugt, es ist Ostern, Wolken nicht aus den Emissionen verbrannten Kerosins. Ihr müheloses Dasein, Sosein, Herumschweben, sich auf nichts Festlegen und später wieder Fortsein schreibt in luftigen Chiffren eine alte östliche Weisheit ans Firmament: dass wer anfängt den Himmel zu suchen, ihn niemals finden wird.

Foto_by_Franz-Kimmel


Ich habe Franz gebeten, ein paar Himmelsfotos aufzunehmen. Schöner wäre es, an der Isar oder im Englischen Garten oder sonstwo im Grünen persönlich auf einer Decke liegen zu dürfen und sich ins überirdisch Blaue hinein zu verlieren.

Foto_by_Franz-Kimmel


Noch am letzten Tag vor der Ausgeheinschränkung führte ich eine Unterhaltung mit einer befreundeten Oratoriensängerin über das Singen im Freien. Sie sagte, sie habe großen Respekt davor, unter freiem Himmel zu singen, fast Angst. Oder vielmehr Furcht. Ehrfurcht. Es ging um Resonanz, wenn ich es richtig verstand. In geschlossenen Räumen hat Resonanz viel mit Akustik zu tun. Mit Schall und Widerhall, dem Material der begrenzenden Wände, Deckenhöhen, Schwingungsfrequenzen, mit der Ausbreitung der Töne im Raum. Auch mit der Empfänglichkeit des Publikums.

Doch was resoniert unter freiem Himmel? Wohin fliegt der Klang und von wo kehrt er wieder? Kommt er überhaupt zurück, kann sich die Singende dessen sicher sein? Wird der Himmel die musikalischen Töne gnädig reflektieren oder behält er sie ein, sofern sie nicht reinen Herzens gesungen sind? Fragen tauchen auf zum Verhältnis von Gesang/Kunst und Freiheit, von Singender und Wiese, Sängerin und Feldrand, Schlehenblüte, Zitronenfalter. Fragen bezüglich der akustischen Beschaffenheit von Luft und Wolken, den Grenzen des Brustraums, den Grenzen der Sängerinnenseele, den Grenzen des Gewölbes über ihr und dessen kaum ermesslicher Frequenz. Wie weit reist ein Lied im Freien, bevor wir es hören? Was bringt es von dort, wo es dann war?

Resonanz. Akutes Thema in diesen Ostertagen.
Das Wesen eines Liedes besteht nicht nur darin, es zu singen.

Foto_by_Franz-Kimmel

Fotos: Franz Kimmel