Menschen und Knospen (29)

Nie waren wir den Pflanzen ähnlicher als in diesem noch jungen Jahr. Das gesellschaftliche Gewebe vegetiert vor sich hin. Die Verständigung darüber, dass wir soziale Wesen sind funktioniert gerade irgendwie unterirdisch. Oder durch die Luft, den digitalen Äther. Woche um Woche vergeht. Schon ist es Mitte März. Man möchte aufblühen, raus aus der engen Hülle,…

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In Lüften reiche Schätze (28)

Nunc lege, nunc ora, nunc cum fervore labora.Nunc contemplare,nunc scripturas meditare.Nunc etiam pausa,ne mortis sit tibi causa! (Mittleralterliche Ordensregel) Bald lies, bald bete,bald arbeite mit Eifer.Bald betrachte,bald meditiere die Schrift.Bald halt auch inne,damit du dir nicht den Tod holst! Süßer, zu süßlich künstlicher Geruch nach Fruchtaromen zieht uns in die Nasen. Zwei junge Frauen rauchen…

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Das zweite Jahr (27)

Wir blinzeln in die Sonne, ein Tag wie Frühling, aber es ist noch kein Frühling. Acht Wochen verschärfter Lockdown liegen hinter uns, bald zwei Monate geschlossene Gesellschaft, und niemand kann sagen, wann der Ausnahmezustand enden wird. Franz und ich treffen uns zum ersten Spaziergang im neuen Jahr am Münchner Gasteig. Das dortige Lokal „Gast“ musste…

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Die verborgene Sängerin (26.1)

„Für Menschen heißt Leben – wie das Lateinische, also die Sprache des vielleicht zutiefst politischen unter den uns bekannten Völkern, sagt – soviel wie ‚unter den Menschen weilen‘ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‚aufhören unter Menschen zu weilen‘ (desinere inter homines esse).“ (Hannah Arendt in „Vita activa“) Möchte man in diesen Tagen Anfang…

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Die verborgene Sängerin (26.2)

Der Nymphenburger Kanal ist von einer dünnen Eisschicht bedeckt, nur unter den Brückenbögen und im großen Brunnenbecken vor dem Schloss bewegt sich die Wasseroberfläche dunkel. Die dort reglos in sich eingeschnabelten Schwäne sehen von Weitem wie flache Schneehaufen aus. Vor ein paar Tagen hat es schon einmal geschneit, nicht viel. Die Wege im Park sind…

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Die verborgene Sängerin (25.1)

„Denn Humus ist die Basis unseres irdischen Lebens, er ist buchstäblich sein Anfang und sein Ende, er entsteht durch Leben, und Leben entsteht durch ihn. Er ist der vielfältigste, verworrenste, erstaunlichste, weiseste und zugleich primitivste Ausgleich zwischen den unzähligen Gestaltungen und den noch unzähligeren Bedürfnissen des Lebens. Er ist die unablässige Verwandlung des Zustands, den…

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Die verborgene Sängerin (25.2)

In ihrem vor genau hundert Jahren veröffentlichten Zukunftsroman „Die Feuerseelen“ beschäftigte sich Annie Francé-Harrar bereits mit der Umweltzerstörung durch mangelnde Ressourcenwirtschaft. Sie war eine frühe Öko-Kassandra, aber eine, die es nicht bei Warnungen beließ, sondern zugleich über Lösungen nachdachte und an deren Umsetzung mitwirkte. Nach dem Tod ihres Mannes setzte sie die gemeinsame Arbeit unermüdlich…

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Die verborgene Sängerin (24)

Nein, es steigt kein weißer Rauch auf. Es steigt auch kein schwarzer Rauch auf. Es steigt überhaupt kein Rauch auf. Es weht noch nicht einmal eine sternenbesetzte Fahne. Die einzigen Streifen und Sterne, die am Münchner Amerikahaus zu sehen sind, winden sich um den Körper Andy Warhols auf einem rosastichigen Plakat im Garten vor dem…

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Die verborgene Sängerin (23.1)

Die Inzidenzwerte steigen. Vor einigen Monaten war das noch ein Wort ohne Geschmack und Belang, ein Wort aus einer Petrischale geboren, abstrakt und dem gelebten Leben fern. Inzidenzwert, hm. Doch während ich noch damit beschäftigt bin, den letzten Spaziergang mit Franz auf die Computerfestplatte zu bannen, steigen die Werte der Inzidenzien, heißt: Ausgehverbot droht. Der…

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Die verborgene Sängerin (23.2)

In der Mondstraße ist der der Auer Mühlbach auf einmal wieder da, ein kurzes bezauberndes Bachstück lang. Sind wir noch in München? Grachten, innerstädtische Wasserstraßen, Venedig, Amsterdam kommen in den Sinn. (Weiter hinten im Text wird mir das wie eine Vorahnung erscheinen.) Dann folgen Franz und ich nicht länger dem Bachlauf, sondern einer Einladung zum…

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Die verborgene Sängerin (22)

Wir sind zurückgekommen, noch einmal den Giesinger Berg hinauf, noch einmal zum Stadion. Die Eingangstore zeigen sich verschlossen, das Publikum hat Hausverbot. Im Herbst der Pandemie verlieren die Bäume bereits ihre Blätter, der Fußball rollt vor leeren Rängen, der Rasen ist weiterhin grün. War es ein Fehler, zweimal in Folge denselben Ort aufzusuchen? Ich wollte…

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Die verborgene Sängerin (21.1)

Glasscherbenviertel, rote Hochburg, Arbeiterviertel wurde die Gegend genannt. Früher einmal, wann war das? Obergiesing, das Aschenputtel oben am Berg, hat eine revolutionäre Vergangenheit. Hunderttausend Trauernde sollen bei der Beerdigung des Anführers der Novemberrevolution und des ersten und ersten ermordeten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, zum Ostfriedhof durch Giesing marschiert sein. Von einer McDonald`s Filiale…

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Die verborgene Sängerin (21.2)

Franz und ich wandern die Tegernseer Landstraße entlang. Giesing Zentrum. In der ehemaligen Stadtbibliothek werden jetzt Fahrräder verkauft. Schicke Lifestyleräder, E-Bikes, Pedelecs. Am Edelweißplatz werfen wir einen Blick auf den „Torre Pendente“, einen riesigen Mahagonibaumstamm, 2 Meter Durchmesser. Seit den 1980er Jahren ragt er schräg gen Himmel und gemahnt an die naturgegebenen Grenzen des Wachstums.…

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Die verborgene Sängerin (20)

Man erzählte uns, im Schatten der Bavaria seien Palmen gewachsen. Wir kehren zurück zum Ausgangspunkt unserer Expedition, dorthin wo die Suche nach der verborgenen Sängerin begann. Sechs Monaten sind seither vergangen. Sechs Monate, in denen sich einiges verändert hat und manches nicht mehr ist, wie es war. Normalerweise könnten wir um diese Jahreszeit, Ende August,…

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Die verborgene Sängerin (19.1)

„Historisch betrachtet haben Pandemien die Menschen gezwungen, mit der Vergangenheit zu brechen und sich ihre Welt neu vorzustellen. Diese Pandemie ist nicht anders. Sie ist ein Portal, ein Tor zwischen einer Welt und der nächsten. Wir können wählen, durch das Tor hindurch zu gehen und die Kadaver unserer Vorurteile und unseres Hasses, unserer Habsucht, unserer…

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Die verborgene Sängerin (19.2)

Vom Kaufhof, der insolventen Warenhauskette, könnte ich erzählen, dass er vor 141 Jahren aus einem kleinen Stralsunder Laden für Garne, Wolle, Knöpfe und Stoffe hervorgegangen war. Herr Tietz, der Gründer, führte Festpreise, Barzahlung und Rückgaberecht ein. Damals neu und innovativ. Es folgten Aufstieg, Expansion, eigene Produktionsstätten, 15.000 Beschäftigte, Filialhäuser in vielen deutschen Städten, Erfolg, Enteignung und…

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Die verborgene Sängerin (18)

Wir heben uns in die Lüfte. Der Sommer dieses außergewöhnlichen Jahres beschenkt die in der Stadt Gebliebenen mit einer Gondelfahrt durch die Geschichte. „Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie!“ Eine kleine Weile durchmessen wir die Zeiten und den Raum und sind dem Himmel näher. Ein Land, das lange zögert, eh es untergeht, liegt uns zu…

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Die verborgene Sängerin (17)

Sobald man den Fluss überquert, von dort kommend, wo Franz und ich herkommen, der Isar den Rücken kehrt und weiter nach Haidhausen, Bogenhausen oder Giesing möchte, geht es den Berg hinauf. Ein kleiner Höhenunterschied, der erst überwunden sein will, und der denen „oben“ gelegentlich etwas zu Kopf steigt, wie mir scheint, und uns, die radfahrend…

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Die verborgene Sängerin (16.1)

Die Brücke. Der Fluss. Am Fluss. Auf dem Fluss. Im Fluss. “And after that what changes what changes after that, after that what changes and what changes after that and after that and what changes and after that and what changes after that.” (Gertrude Stein: Composition as Explanation) Sommer in der Stadt. Es ist heiß,…

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Die verborgene Sängerin (16.2)

Franz und ich stehen am Steg zum Deutschen Museum. Das Licht zur Mittagszeit, sagt der Fotograf, ist knallhart wie ein Scheinwerfer, der alles erleuchtet. Unsere Schatten reichen nur knapp über unsere Nasenspitzen hinaus. Wir schauen flussaufwärts und flussabwärts, die Sonne brennt, ein Lüftchen weht. Wenn wir in den Fluss spucken, hätte unsere Spucke gute Chancen…

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