Nie waren wir den Pflanzen ähnlicher als in diesem noch jungen Jahr. Das gesellschaftliche Gewebe vegetiert vor sich hin. Die Verständigung darüber, dass wir soziale Wesen sind funktioniert gerade irgendwie unterirdisch. Oder durch die Luft, den digitalen Äther. Woche um Woche vergeht. Schon ist es Mitte März. Man möchte aufblühen, raus aus der engen Hülle, sich entfalten, die äußeren Schutzblätter abwerfen. Endlich einmal wieder frei und unbeschwert hinauslachen und hineinlachen in die Gesichter von Leuten, die dann dicht an dicht herumstünden wie schüchterne Krokusse, Buschwindröschen, Winterlinge, Impflinge, Leberblümchen.

An einer stark befahrenen Kreuzung – ich stehe an der roten Ampel – sehe ich einen Bekannten auf dem Rad die Straße überqueren. Zu weit weg, um „Hallo“ zu rufen, und er zu versunken, um mich zu entdecken. Er sieht älter geworden aus, die Haare grauer, farbloser, schwarzweißer und länger als beim letzten Mal. Ein Hauch beginnender Verwahrlosung umweht seine Erscheinung. Nun geht es mir mit den Münchner Bekannten wie mit den heranwachsenden Kindern von Verwandten, die man nur einmal im Jahr beim Familienfest sieht. Jedes Mal erschrickt man ein bisschen bei ihrem Anblick, weil man an den Körpern der wieder gewachsenen Kinder das eigene unaufhaltsame Älterwerden abliest. Genauso erschrecke ich jetzt, wenn ich zufällig einen Bekannten entdecke. Wie verwahrlost mag ich wohl selbst auf andere wirken?

Foto_by_Franz-Kimmel



Franz und ich setzen unseren Baustellentourismus auf der Suche nach der Musik von Morgen fort. Der „neue Gasteig“ in Sendling steht auf unserem Stadtreiseplan, das Interimsquartier für das Kulturzentrum und die Philharmonie im Haidhauser Gasteig, der bis 2025 gründlich saniert werden soll. Als Ouvertüre zukünftiger Philharmoniekonzerte erklingt Baustellengetöse. Trotz Corona ist an Baustellen immer etwas los. Das ganze vergangene Pandemiejahr über schon. Niemand spricht über die Baubranche, wenn es um systemrelevante Berufe geht. Impfen von Bauarbeitern? Kein Thema. Hygienemaßnahmen? Naja, Bauhelme, Neonwesten, Schnürstiefel mit Eisenkappen. Baustellen sind lärmende Idyllen der Hoffnung, Schlammoasen der Sehnsucht nach Normalität, zugige Werkstätten einer ganz unzimperlichen, sturen Zuversicht: In diesen Hallen wird Leben und Musik einkehren. Was lange geplant war und auch gebaut wird, soll einmal seinen Zweck erfüllen. Auf Baustellen überbrückt die Zeit sich selbst. Kein Wunder, dass es Franz und mich zu den Baustellen zieht. (Nach unserem Spaziergang war ich allerdings heißer, weil ich so laut reden musste, um von Franz gehört zu werden. Fühlte sich lebendig an wie nach einer durchsoffenen Nacht.)

Foto_by_Franz-Kimmel



Neben der denkmalgeschützten geziegelten Trafohalle entsteht ein quaderförmiger Holzbau als neuer temporärer Philharmoniekonzertsaal. Ein Seitenarm der Isar rauscht am Gelände vorüber. Wir laufen eine Runde durchs Quartier, an Bauzäunen, Kabelrollen, Baucontainern und Absperrungen vorbei Richtung Großmarkthallen. Rechts hinter der Pappelallee das Heizkraftwerk-Süd mit seinen zwei hohen Schornsteinen. Der dritte, einstmals höchste Schornstein von 176 Metern, wird seit vergangenem Jahr zurückgebaut. Riesige marode Kaminteile schweben über unseren Köpfen durch den Himmel. Auf der anderen Straßenseite hinter Gittern liegen Turbinenschrauben und ein alter Schuh. Weiter die Schäftlarnstraße stadteinwärts. Im Eingang einer offenen Halle des Blumengroßmarkts warten palettenweise Töpfe mit Pflanzen und Blumenzwiebeln. Zwergnarzissen, Primeln und Hyazinthen. Der Frühling steht zur Auslieferung bereit.



Franz und ich lassen uns vom Wind und vom Straßenverlauf in die Lagerhausstraße treiben. Da liegt ein Schiff vor Anker auf einem Abstellgleis. Die Alte Utting, die vor ihrer Pensionierung ein Ausflugsdampfer auf dem Ammersee war. Vor drei Jahren wurde das ausrangierte Schiff hierher transportiert, auf ein stillgelegtes Bahngleis über der Straße gehievt und zum Café, Gastrobetrieb, zur Party- und Kulturlocation umgebaut. Das Schiff auf der Brücke galt als einer der angesagtesten Ausgehtipps Münchens. Jetzt gleicht die Utting einem gestrandeten traurigen Wal, einem Schiff der Träume, dem sein Kurs abhanden kam. Sinnbild für die pandemisierte Gastronomie. Et la nave va…

Am Eingang zum Großmarkt stoßen wir auf eine Menschansammlung. Franz und ich bemerken sie bereits von Weitem und zögern einen Moment lang weiterzugehen. Ein ungewohnter Anblick. Eine Fata Morgana in kalter Luft. Sind aus den schüchternen Frühlingsblümchen, von denen ich eingangs sprach, tatsächlich menschliche Wesen geworden? So viele, so nah beieinander! Doch was bedeuten schon Angaben wie „viele“ und „nah“ nach Monaten der sozialen Askese? Näherkommend zerstreut sich die Ansammlung in lose Grüppchen von maximal zwei Personen bzw. einzelnen Personen mit Kinderwagen oder einzelnen Personen mit Einkaufstrolley. Hinter dem Einlasstor des Großmarkts befindet sich eine Ausgabe der Münchner Tafel. Lebensmittelabgabe an Bedürftige. Die verderblichen Reste des Großmarkthandels vom Vormittag werden nachmittags verteilt.



Auf dem weitläufigen Areal des Großmarkts, das wir durch einen Seiteneingang betreten, herrscht Stille. Der Handelstag ist vorbei. Die verlassene breite Straße zwischen den stattlichen Kontorhäusern wirkt wie die Kulisse für einen sozialistischen Arthouse Film, in dem nicht viel passiert und auch nicht viel gesprochen wird. Der Wind bläst. Alle Farben sind heute in meiner Vorstellung schwarzweiß. Der Film erzählt von zwei Personen aus dem Westen, einem Mann und einer Frau, die sich auf einem stillgelegten Großmarktgelände verlaufen haben. Ohne dass es explizit gezeigt wird, weiß man, eine Katastrophe ist geschehen, Tschernobyl, ein tödlicher Virenausbruch, die beiden gehören zu den Überlebenden. Aus einem der Kontorhäuser tritt ein Mann mit vernarbtem Gesicht. Er raucht eine filterlose Zigarette und hält ein schwarzes flaches Funkgerät ans Ohr, erhält daraus aber keine Antwort. Seine Bewegungen wirken nervös und fahrig. Er spricht von einem Loch im Zaun und deutet, die Zigarettenkippe zwischen den Fingern, vage in südliche Richtung. Dort hinten, ganz am Ende, sagt er. Der Mann und die Frau folgen dem Hinweis. Die breite Straße mündet auf einen Parkplatz, rundherum Maschendrahtzaun, Sackgasse. Ein schmaler Pfad führt über eine räudige Wiese, sie suchen nach dem Ausgang. Ein blattloser Dornenbusch versperrt den Weg. Riesige Dornen wie sonst an keiner heimischen Pflanze. Eine Mutation, ein Killerbusch.

In solche Abenteuer gerät man, wenn man den Weg, den man gekommen ist, nicht wieder zurückgehen mag. Sie irren eine Weile übers Gelände. Hier und da behaupten Schilder die Existenz von Überwachungskameras. Ein Gabelstapler fährt mit leisem Surren heran, der junge Mann in der Fahrerkabine lächelt abwesend. Auch er hebt den Arm und zeigt mit einer unbestimmten Geste nach Süden, da sei ein Loch im Zaun, ja, da drüben. Der Wind bläst. Der Mann und die Frau suchen den Ausgang. Sie stapfen über den feuchten aufgeweichten Lehmboden einer brachliegenden Baustelle. Es fängt zu nieseln an. Endlich finden sie das Loch im Zaun und schlüpfen durch die Lücke im toten Winkel meiner Phantasie aus der Geschichte.

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Fotos: Franz Kimmel