Die verborgene Sängerin (13)

Wo in anderen Jahren um diese Zeit das Tollwood Festival stattfindet, wächst in diesem Jahr Gras drüber. Auf dem leeren Festplatz sprießt ein zarter grüner Flaum wie Haare auf einem Glatzköpfigen, dessen Hormonhaushalt von einer frischen Liebe verjüngt und gedüngt wurde. Der Festivalbetrieb macht Pause. Keine Theater- und Musikzelte, keine fliegenden Bauten, keine Food-Buden und…

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Die verborgene Sängerin (12.1)

Wann haben wir den Olympiapark je in so einem unschuldigen, regensatten, unzertrampelten Frühsommergrün gesehen? Ich möchte HALT rufen! Schaut doch, seht doch nur. Ein Wunder, ein Mysterium! Wenn es etwas festzuhalten gälte als Fazit der vergangenen Wochen und Monate, dann dies. Dieses Grün, dieses hemmungslose Gedeihen und Blühen. Diese ans Gemüt gehende, zarte, zu sich…

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Die verborgene Sängerin (12.2)

Utopien und Verfehlungen. Es sollten heitere Spiele werden im Sommer 1972, ein Gegenentwurf zur Olympiade 1936 in Berlin, wo die Nationalsozialisten den olympischen Gedanken mit Heldenpathos überzuckert hatten. In München plante man Spiele im Grünen, bunte Spiele, man wollte Völkerverständigung und Weltoffenheit demonstrieren, ein anderes Deutschlandbild zeigen, ein Land zeigen, das aus seiner Vergangenheit gelernt…

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Die verborgene Sängerin (11.1)

Oben im vierten Stock, links neben der Straßenlampe, da habe ich einmal gewohnt. Achtzehn Jahre lang war das Zwei-Zimmer-Nest zwischen den zwei Dachgauben dort oben mein Zuhause. Durch das eine Fenster, das zum Hof, blickte ich vom Schlafzimmer aus in die Krone einer großen Kastanie, die gepflanzt wurde, als das Haus kurz nach dem Krieg…

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Die verborgene Sängerin (11.2)

Ferdinand-Miller-Platz, Maxvorstadt. Eine Ecke weiter liegt die Erzgießereistraße. In diesem Viertel wurde die Eintausendfünfhundertsechzig Zentner schwere Bavaria gegossen, in vier Teilen. Der Entwurf für die Statue stammte von Leo v. Klenze und dem Bildhauer Ludwig Schwanthaler. Die Erzgießer Johann Baptist Stiglmaier und dessen Neffe Ferdinand Miller erhielten 1837 den Auftrag zur Produktion in der von…

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Die verborgene Sängerin (10)

Mancherorts haben Sicherheitskräfte die Kinderspielplätze mit rot-weißem Plastikabsperrband umwickelt und abgesperrt, als handele es sich um Tatorte von Verbrechen. So auch im Münchner Arnulfpark, wo Franz und ich uns zum Spaziergang treffen. Park meint hier den städtebaulichen Euphemismus zwischen Hackerbrücke und Donnersbergerbrücke, für Nicht-Münchner: ein weitläufiges Neubaugebiet entlang der Schienenhauptachse zum Münchner Hauptbahnhof. Direkt entlang…

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Die verborgene Sängerin (9.1)

„Mit dem Herumlaufen allein ist es nicht getan. Ich muß eine Art Heimatkunde treiben, mich um die Vergangenheit und Zukunft dieser Stadt kümmern, dieser Stadt, die immer unterwegs, immer im Begriff, anders zu werden, ist.“ (Franz Hessel) Auch wenn die einsamen Flaneure des 20. Jahrhunderts, Walter Benjamin, Robert Walser oder der oben aus seinem „Lehrbuch…

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Die verborgene Sängerin (9.2)

„Will man sich nun erinnern, daß nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Geister, und vor allem die Bilder wohnen, so liegt greifbar vor Augen, was den Flaneur beschäftigt und was er sucht. Nämlich die Bilder wo immer sie hausen.“ (Walter Benjamin in: „Die Wiederkehr des Flaneurs“) Spazierengehen hebt die Stimmung, das haben wissenschaftliche Studien…

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Im Verborgenen Singen (8)

Nun ward der Frühling unserer Distanz. Die Lindenbäume in ihren entzückend knappen zarten Blätterkleidchen säumen wie Fronleichnamsmädchen die Straßen, Gehsteige und Fahrradwege. An den Litfaßsäulen werben immer noch Plakate für Phantomveranstaltungen im März und April. Vor dem Schaufenster eines Modegeschäfts steht eine Frau in die Betrachtung einer frisch eingekleideten Schaufensterpuppe vertieft, als seien wir an…

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Im Verborgenen Singen (7)

„Ich möchte laut über die Mauern hinausrufen: O bitte beachten Sie doch diesen herrlichen Tag! Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind, den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen, silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Beachten Sie doch die Luft, die vom…

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Im Verborgenen Singen (6)

Doch, wir machen weiter. Auf getrennten Wegen zwar, aber wir machen weiter. Franz durchstreift seinen lokalen Nahbereich und ich den meinen. Die verborgene Sängerin erwarten wir momentan nicht zu finden. Es geht mehr darum, den aufgenommenen Faden zwischen den Fingern zu halten, weitermachen als energetisches Prinzip, im Feld bleiben, nicht die Spannung verlieren. Gerade in…

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Im Verborgenen Singen (5)

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heuteNur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.Weder die Berge sind noch aufgegangen des WaldesGipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast willMir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. (…)(Friedrich…

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Im Verborgenen Singen (4)

„Die kalte, harte Präzision der Zahlen hält uns oft rücksichtslos gefangen, aber wir müssen vergeben, bis wir nicht mehr zählen können.“ (Matteo Cella, Priester in Nembro, Lombardei) Singen im Freien ist gefährlich geworden, es sei denn der Gesang tönt von Balkonen herüber und herab, wie im tapferen traurigen Italien. München kokettierte in den Zeiten, die…

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Im Verborgenen Singen (3)

„Die Stadt war schön und leer.“ (Robert Walser) Man darf mit einem Hund spazieren gehen, aber nicht mit einem Freund. Man darf wohl auch mit zwei oder drei Hunden spazieren gehen und trotzdem nicht mit einem Freund. Das macht die Suche nach der verborgenen Sängerin für Franz und mich schwierig. Franz pirscht nun nachts mit…

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Die verborgene Sängerin (2)

Nichts ist von Dauer, nichts ist vollendet und nichts ist perfekt. (Prinzipien des Wabi-Sabi) Die Suche nach der „verborgenen Sängerin“ wird unbeabsichtigt zu einer Chronik des Verschwindens von Öffentlichkeit aus dem öffentlichen Raum. Noch tanzen die Surfbretter auf der Eisbachwelle. Noch gehen die Menschen im Englischen Garten spazieren, noch joggen sie, fahren Rad, flanieren, führen…

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Die verborgene Sängerin (1)

Es heißt, sie tauche unangekündigt irgendwo auf, inmitten einer Wiese, an touristisch frequentierten Stellen, an einsamen Plätzen, an Kreuzungen von Spazier- und Wanderwegen. Und dann singe sie, und das sei unglaublich! Wir beginnen unsere Suche nach der „verborgenen Sängerin“ auf der größten Münchner Wiese, der Theresienwiese. Blumen wachsen auf dieser Wiese zwar keine mehr, und…

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Zellophanscham

Als ich in der Küche nach einer Rolle Frischhaltefolie griff, um einen Teller übrig gebliebener Semmelknödel kühlschrankgerecht mit Folie abzudecken, überkam mich plötzlich eine große Scham. Irgendetwas in mir, eine Art neues Über-Ich, hob tadelnd den Zeigefinger und gemahnte Plastikverzicht. Verdammt, wohin dann mit den Knödeln?! In die Tupperdose? Besitze ich nicht. Unters Bienenwachstuch? Hatte…

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Handke

Zum Literaturnobelpreis für Peter Handke wird in diesen Tagen viel geschrieben, gepostet, geredet und im besten Fall diskutiert. Ich gehöre zu denjenigen, die sein Buch über Serbien nicht gelesen und seine Rede am Grab von Slobodan Milosevic nicht gehört haben. Vielleicht hätte der Preis Handke schon früher, vor 1996, verliehen werden sollen. Von Handke stammt,…

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Französischer Kreisverkehr

Wer einmal automobilisiert durch Frankreich reiste kennt ihn, den französischen Kreisverkehr. Man findet ihn hundertfach eingeknotet ins Netz der Nationalstraßen, kurz vor und kurz nach fast jeder größeren und kleineren Ortschaft. Durchmisst man das Land von Süd nach Nord, wie ich es kürzlich zusammen mit einem Freund auf der Heimfahrt von Spanien tat, verläuft die…

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„Jede Waffe findet ihren Krieg“

„Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Deutschland keine Waffen mehr exportieren sollte.“ Mit diesem Satz präsentiert sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Aktivist Jan van Aken auf seinem Twitter-Account. Und im Übrigen bin ich derselben Meinung. Ich fand es auch sehr bedauerlich, als van Aken 2017 bekannt gab, nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu…

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