Der Nymphenburger Kanal ist von einer dünnen Eisschicht bedeckt, nur unter den Brückenbögen und im großen Brunnenbecken vor dem Schloss bewegt sich die Wasseroberfläche dunkel. Die dort reglos in sich eingeschnabelten Schwäne sehen von Weitem wie flache Schneehaufen aus. Vor ein paar Tagen hat es schon einmal geschneit, nicht viel. Die Wege im Park sind eisig und verharscht, und die Schritte der Spazierenden übertönen knirschend ihre Stimmen. Unter Menschen weilen, sich nicht nahekommen. Unsere gegenwärtige Situation scheint paradox. Die Figuren und Skulpturen, die in wärmeren Jahreszeiten die Blumenrabatten und Brunnenränder des Parks säumen, stehen winterlich ummantelt den Blicken entzogen unter Hausarrest, auch sie, jede einsiedlergleich im eigenen Haus.

Aus dem hinteren Teil des Parks kommen Franz und mir Frauen entgegen, die Mistelzweige tragen. Wen werden sie darunter küssen? Jogger in kurzen Hosen rennen zielgerichtet an uns vorbei. An der Pagodenburg landen Wildgänse im Teich. Franz und ich biegen vom Pfad ab und steigen eine kleine Anhöhe hinauf zu einem unter Bäumen verborgenen Aussichtsplatz unter einem pilzförmigen Dach aus Holz. „Don’t fear complexity“ steht auf die dunklen Sparren geschrieben. Damit bin ich einverstanden. Unter den Bäumen unterhalb der Anhöhe nähern sich zwei Personen in langen schwarzen Mänteln der Schlossmauer, sie tragen Gesichtsmasken und muten wie Pestärzte an. Auch der Park hat seine Aha-Effekte, genauer gesagt Ha-ha! So der englische Ausdruck des Erstaunens für eine überraschende Setzung in der Gartenarchitektur. Der Nymphenburger Park hat drei große Ha-has und ein kleineres. Sie heißen wirklich so und verlängern die Sichtachsen der Lichtungen zwischen den Bäumen bis ins Umland außerhalb der Schlossanlage. Erst näherkommend erkennt man die optische Täuschung durch die unterhalb des Parkgeländes befindlichen Mauern. – Nicht alles ist, was es scheint.

Foto_by_Franz-Kimmel



Das untergehende Tageslicht verwandelt den Park in die graphische Skizze einer Landschaft, in der ich schon gewesen bin. Gewesen, ohne anwesend zu sein. Ein Traumerlebnis? Déjà vu? Ich sehe die Silhouetten schwarz-weißer Personen, sie bewegen sich mit somnambuler Eleganz. Eine Gesellschaft in Abendgarderobe, Frauen in schlanken Kleidern, lange weiße Hälse, teurer Schmuck, makellose Dekolletés, Männer in perfekt geschnittenen Anzügen und ebenso geschnittenen Gesichtszügen. Ach, nun erinnere ich mich. Aber erinnere ich mich richtig? War das nicht letztes Jahr in Marienbad? Tatsächlich, warum fiel mir das nie zuvor auf, ich war so oft schon hier? Das dämmrige Licht, das die Farben schluckt, die Winterkälte, der Klang unserer Schritte, die Mondlandschaft des Parks…

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Im selben Jahr, in dem „Dinner-for-One“ zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, kam auch Alain Resnais Film „Letztes Jahr in Marienbad“ in die Kinos, 1961. Der Film wurde im Park von Nymphenburg, im dortigen Fasanenjagdschlösschen Amalienburg, im Schleißheimer Schloss und einem Hotel in Paris gedreht. Im Winter. Die Innenräume der Schlösser durften aus Denkmalschutzgründen nicht beheizt werden, die Darstellerinnen in ihren leichten Roben froren. Sobald die Kameras und Scheinwerfer die Raumtemperaturen zu stark aufgewärmt hatten, mussten sie abgeschaltet werden bis die Temperaturen wieder sanken. Die Handlung des Films bleibt bis zum Schluss geheimnisvoll. Es geht um einen Mann und eine Frau. Um Beziehungslosigkeit, Sprachlosigkeit und Sehnsucht.

„Sie haben ständig eine gewisse Distanz gewahrt. Sie haben gezögert. Wie an der Schwelle zum Eingang zu einem unbekannten Ort,“ sagt er zu ihr, die sich ihm entzieht. Möglicherweise aus gutem Grund. Man weiß nie genau, ob die Geschichte, die der Mann der Frau erzählt auch ihre Geschichte ist. Was geschah in jenem letzten Jahr in Marienbad? War Gewalt im Spiel? Oder waren der Mann und die Frau, die offenbar verheiratet ist, sich in einem anderen Hotel begegnet, in Friedrichsbad, in Baden-Salsa? Die perfekt gestylte unterkühlte Gesellschaft des Films versammelt sich in Spiegelsälen, an Spieltischen, lauscht dem lautlosen Konzert zweier Musiker, immer wieder verharren die Figuren, gefrieren in Räumen und Fluren „überladen vom Zierrat einer anderen Zeit“, wie die Stimme aus dem Off den Ort, der viele Orte ist, beschreibt. Sorgfältig geplante Kameraschwenks verwirren die Einheit von Ort und Zeit. Während eines einzigen Gangs durch einen Flur durchlaufen der Mann und die Frau vier verschiedene räumliche Umgebungen, ohne dass der Gang unterbrochen wirkt und der Filmschnitt die Szene zerteilt.

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Bevor er in München filmte, hatte Alain Resnais „Hiroshima Mon Amour“ gedreht nach dem Buch von Marguerite Duras. Die deutsche Besetzung Frankreichs und die Zerstörung Hiroshimas durch eine US-Atombombe werden darin thematisiert. Danach machte Resnais „Night and Fog“, einen halbstündigen Dokumentarfilm über die verlassenen Konzentrationslager in Polen. Als Resnais die barocken Flure der Schlösser und Parklandschaften in Szene setzte, wurde dies als ein Bruch mit seinen politisch motivierten Filmen gedeutet. Aber es war kein Bruch. Fragen nach den Möglichkeiten der Liebe zu stellen, kann ja zu keiner Epoche unpolitisch sein, in der wir Menschen noch auf Erden wandeln, handeln, unter uns weilen.

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Es ist düster geworden im Park. Mit dem Einbruch der Dunkelheit ändern die Jogger ihre Gestalt und verwandeln sich in Rehe. Franz und ich streben dem Ausgang zu, wo unsere Fahrräder warten. Wir verabreden uns auf unbestimmte Zeit zum nächsten Spaziergang im nächsten Jahr.

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Fotos: Franz Kimmel