Wir blinzeln in die Sonne, ein Tag wie Frühling, aber es ist noch kein Frühling. Acht Wochen verschärfter Lockdown liegen hinter uns, bald zwei Monate geschlossene Gesellschaft, und niemand kann sagen, wann der Ausnahmezustand enden wird. Franz und ich treffen uns zum ersten Spaziergang im neuen Jahr am Münchner Gasteig. Das dortige Lokal „Gast“ musste bereits im vergangenen Jahr schließen. Keine Konzerte und Veranstaltungen im Kulturzentrum und der Philharmonie heißt, keine Gäste für die Gastronomie. Der ehemalige Gastraum wurde inzwischen in einen Co-Working Space umgewandelt. Durch die großen Glasscheiben kann man ins Innere spähen, dort stehen Tische mit einzelnen Stühlen davor und gebührendem Abstand voneinander, wie in einem Schulraum bei der Abiturprüfung, damit keiner vom anderen abschreiben kann. Nicht weinen, arbeiten! Die Pandemiebekämpfung nötigt allen, ob Kindern, Schüler*innen, Erwachsenen, eine seltsam protestantisch wirkende Ethik auf. Acht Stunden oder mehr am Tag vor dem Rechner sitzen, unentwegt ins Digitale schauen, essen, Leibesertüchtigung, schlafen.

„Das ist sehr langweilig immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder heraus zu kriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen, da ist gar kein Absehens wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig und daß Millionen es schon so gemacht haben und daß Millionen es wieder so machen werden…“

Danton in „Dantons Tod“ von Georg Büchner

Wir blinzeln in die Sonne, schauen prüfend umher, unserer selbst etwas unsicher geworden vor lauter Zurückgezogenheit. In den ungeputzten Fensterscheiben der geschlossenen Läden und Restaurants blicken wir in unsere gespiegelten bleichen Wintergesichter. In der Milchstraße hängt ein handgeschriebener Zettel im Fenster von Molly‘s: „Bleibt sicher und gesund und hoffentlich sehen wir uns bald wieder.“ Klingt, als hätte sich jemand auf eine Reise in exotische Länder begeben, dabei sind wir ja nur alle zuhause geblieben.

Ein paar Häuser weiter, neben dem Münchner Literaturbüro, verstaubt in einer kleinen Galerie eine Skulpturen-Ausstellung, deren Ablaufdatum längst überschritten ist. Vom Künstler Inkyu Park wurde aus Milch- und Saftkartons eine Laokoon-Gruppe nachgebaut. Das silberbeschichtete Material der Tetrapaks wurde mittels einer Falt- und Origami-Software modelliert und aus unzähligen Dreiecks- und Polygon-Elementen zusammengebastelt. Laokoon aus dem Computer. Das Original in den Vatikanischen Museen in Rom hat der Künstler selbst nie gesehen, er schreibt seinem Nachbau jedoch die gleiche Authentizität wie der „echten“ Laokoongruppe zu. Solcherart sind die Behauptungen und Provokationen der pandemisierten Gegenwart. Was echt ist, real, authentisch, muss neu verhandelt werden.

Foto_by_Franz-Kimmel

Der Philologe und unermüdliche Tagebuchschreiber Victor Klemperer beschreibt in seinem Buch „LTI“, wie aus einschneidenden geschichtlichen Ereignissen neue Verben entstehen. Als Beispiel nennt er das Wort septembrisieren, das aus dem Französischen ins Deutsche übertragen wurde. Man sagte zum Beispiel, jemand wurde septembrisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Ausdruck im Deutschen in Vergessenheit. Um die letzte Jahrhundertwende konnte man ihn noch als Fremdwort in dudenähnlichen Nachschlagewerken finden: „Politische Massenmorde begehen, wie sie während der Großen Französischen Revolution im September 1792 verübt wurden. Aus dem Französischen septembriser /septembriseur“. Nebenbei bemerkt war das historische Vorbild des oben zitierten Danton nicht ganz unschuldig an der Entstehung des Wortes septembriser, da die Septembermorde der französischen Revolutionäre an über Tausend Gefangenen vom Justizminister Georges Jacques Danton wissentlich geduldet wurden.

Werden wir also später einmal, später wenn – oder falls – der Corona-Spuk vorüber ist, das Wort pandemisieren kennen? Was würde man darunter verstehen?

Franz und ich jedenfalls fühlen uns während unseres ersten Spaziergangs nach der langen Winterpause reichlich pandemisiert. Das Wort hat einen leichten Anklang von paralysiert. Nicht mehr ganz Herr und Frau der eigenen Möglichkeiten sein, sich als Teil einer kollektiven Ohnmacht empfinden. Merkmale des Pandemisiertseins? Zum Beispiel das Gefühl, bestimmte Dinge, die vor dem Ausbruch der Pandemie und vor dem Lockdown ganz selbstverständlich waren und über die man sich überhaupt keine Gedanken zu machen brauchte, das Gefühl, diese Dinge nicht mehr richtig tun zu können oder sogar nicht mehr genau zu wissen, wie sie überhaupt gehen. Wir fragen uns, wissen wir noch, wie das geht? Staunend durch die Stadt spazieren, darüber zu schreiben, zu fotografieren? Wissen wir noch, wie man unbefangen in einem Café sitzt, drinnen, nicht draußen? Wissen wir noch, wie das geht, andere spontan zu umarmen? Tritt da nicht jetzt sofort eine Umarmungshemmung auf? Ja, wir sind pandemisiert. Im Abgang hinterlässt das Wort leichten Bocksgeruch, wilde Ausdünstungen vom Hirtengott Pan, oben Mensch, unten Widder oder Ziege, Hüter der Wälder und Wiesen, Namensgeber auch der Panik.

Foto_by_Franz-Kimmel

Foto_by_Franz-Kimmel



Wir blinzeln ins Sonnenlicht, ganz so schlimm ist es noch nicht. Menschen sitzen auf Bänken, trinken Heißgetränke aus Pappbechern und mitgebrachten Thermoskannen. Am Genoveva-Schauer-Platz steht jemand am öffentlichen Bücherschrank und sucht nach Lesestoff. Am Pariser Platz hat das Eiscafé Venezia geöffnet, es gibt Eis in der Waffel. Der Obst- und Gemüsestand verziert den Platz mit seiner farbenfrohen Auslage aus Südfrüchten und Tulpen. Überall, wo Sonne auf Bänke und Mäuerchen scheint, nutzen Anwohner*innen die Sitzgelegenheiten zum Verweilen und dazu, unter Menschen zu sein. Pandemisieren könnte auch ein Verb werden, das eine Verschwörung im guten Sinne meint: solidarische Krisenbewältigung, empathisches Aufeinander achten, die persönliche und kollektive Überwindung depressiver Stimmung. Bist du schon pandemisiert? Als Pandemisierte (frz. pandemisiande/pandemisiand) würde man keine Sehnsucht mehr empfinden nach der alten Normalität. Pandemisierte (engl. pandemished people) würden eher fragen, was ist nun zu lernen? Die Flügelschläge der Schmetterlinge und Fledermäuse am anderen Ende der Welt gehen uns Pandemisierte (span. pandemisitas/pandemisitos) etwas an. – Ich spreche leider kein Chinesisch.

Foto_by_Franz-Kimmel

Zurück am Gasteig nutzen Franz und ich die Gunst der Stunde und einen freien Platz auf der Bank im Hof. In einer temporär aufgestellten Container-Bar wird Kaffee ausgeschenkt. Ist es nicht wunderbar, einen Capucchino zu trinken, der von fremder Hand bereitet wurde? Ein paar Meter entfernt von uns lässt sich eine Frau an der Hauswand nieder, streckt die Beine aus und blinzelt in die Sonne. Sie hat ein zusammenklappbares wattiertes Sitzkissen dabei und ein Glas, das zerbrechen kann, und ein kleines Fläschchen weißen Wein.

Foto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-KimmelFoto_by_Franz-Kimmel

Fotos: Franz Kimmel