Nunc lege, nunc ora,
nunc cum fervore labora.
Nunc contemplare,
nunc scripturas meditare.
Nunc etiam pausa,
ne mortis sit tibi causa!

(Mittleralterliche Ordensregel)

Bald lies, bald bete,
bald arbeite mit Eifer.
Bald betrachte,
bald meditiere die Schrift.
Bald halt auch inne,
damit du dir nicht den Tod holst!

Süßer, zu süßlich künstlicher Geruch nach Fruchtaromen zieht uns in die Nasen. Zwei junge Frauen rauchen Shisha. Sie sitzen an einem der in weitem Abstand voneinander aufgestellten Picknicktische. Die eine mit dem Rücken zum Riesenrad, die andere mit dem Rücken zum neuen Hotel. Der kreischende Lärm der nahen Baustellen des Werksviertels scheint sie nicht zu stören, auch nicht, dass sie die einzigen sind, die sich am sonnigen Februartag im Schatten der großen Gebäudekomplexe zum Plaudern niedergelassen haben. Münchnerinnen? Die ersten oder letzten Gäste des Hotels? Möglicherweise schauen Franz und ich auf eine Szene in der Zukunft. Im Viertel jenseits des Münchner Ostbahnhofs weiß man nie genau, in welcher Zeitzone man sich gerade befindet. Auf dem knapp 40 Hektar umfassenden Areal bewegen wir uns wie in einem Computerspiel, das ständig um neue Levels erweitert wird. Wo eben noch Durchkommen war, versperrt bald ein Bauzaun den Weg. Plattgewalztes Kiesgelände verwandelt sich in metertiefe Bauschlünde. Riesige Kästen aus Glas, Beton, Alublech und Stahl wachsen im Zeitraffer in die Lüfte. Gebäude werden abgerissen, andere rosten als graffiticolorierte Industrieruinen noch eine Weile vor sich hin. Ein atemberaubender Entstehungs- und Zerfallsprozess städtischer Infrastruktur. Wobei nur 4,1 Hektar des Geländes tatsächlich der Stadt München gehören, der Rest ist in Privatbesitz. Das ist eigentlich ungeheuerlich. Kunstpark Ost, wie die Gegend früher hieß, als die Nächte rauschend waren und wilde Partys die alten Werkshallen im Techno-Puls vibrieren ließen, Kunstpark Ost darf man nicht mehr sagen. Ein ganzer Stadtteil wird neu gebrandet, das heißt als Marke aufgebaut. „Von der Knödelfabrik über die Kultzeit zum spannenden Kreativquartier“ wirbt eine Schautafel mit dem Logo „Werksviertel Mitte“. Wofür das ‚Mitte‘ steht, darüber schweigt die Tafel. Mitte von was?

Foto_by_Franz-Kimmel


Das hohe weiße Riesenrad schläft derweil gleich einer im All vergessenen Raumstation. Es steht auf dem Platz, auf dem später das neue Konzerthaus landen soll. Ein neues Haus für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und ein Haus für Musik – „offen, vielfältig, lebendig“, verspricht die Werbung. „Exzellente Akustik, moderne Architektur und ein künstlerisches Profil, das in die Zukunft weist.“ Wer das getextet hat, war sich der Zukunft sicherer als wir es gegenwärtig sind.

An einem ganz normalen Lockdowndienstag durchs Werksviertel zu streifen ist merkwürdig. Viel ist nicht los. Nur die Bauarbeiten gehen unbeirrt weiter. Ein paar Leute verzehren mitgebrachte Speisen an den Tischen neben dem Containerdorf. Ein Fahrradreparaturladen sieht geöffnet aus. In der Bar der 100 Gins kann man vorbestellte Flaschen abholen. Auf Pandemiedeutsch: click und collect. Der Transportwagen eines Facility Services rattert über das holprige Bodenpflaster. Es klappert, rumpelt, eine Kreissäge kreischt, Metall, schlägt auf Metall, das Hämmern der Eisenflechter, Rufe von Bauarbeitern und das zähneknirschende Murmeln der Zementmischer.

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Allein vier Hotels sind für das Werksviertel geplant. Große Hotels mit hohen Auslastungskapazitäten. Dazu gigantische Bürokomplexe und die auf hohen Stelzen ruhende „Medienbrücke“. Doch ob und wann die Angestellten wieder aus ihren Home-Offices an die alten und neuen Arbeitsplätze zurückkehren werden und die Menschheit wieder sorglos reisen wird, ist ungewiss. Noch sonnt sich das Viertel in seinen Wachstumsphantasien als sei Corona lediglich ein kleiner Zwischenfall. Nichts Ernstzunehmendes. Wird schon wieder. Eine lästige Unterbrechung, dann geht es weiter. Weiter wie zuvor. Eine andere Zukunft scheint kaum vorstellbar. Jedoch dass Krankheit eine Zwiesprache des Menschen mit sich selbst sei, habe ich einmal sagen hören. Und eine Pandemie? Der runde Tisch einer ganzen Spezies?

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Franz und ich wechseln ein paar Worte mit einer Frau, die erzählt, dass sie seit 13 Jahren mit ihrer Hausmeisterfirma die Nachtkantine und andere Lokale betreut. Es sei ihr langweilig zuhause, sagt die Frau. „Ab und zu kommen wir vorbei und sehen nach dem Rechten. Irgendwas gibt es immer zu tun.“ Ein Jahr etwa wird die Nachtkantine noch bleiben, meint sie. Dann muss auch dieses Relikt der Abrissbirne weichen. „Das Leben ist Veränderung,“ sie zuckt halb lachend die Schultern, und es klingt nach einem zu oft gesagten Satz.

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Der alte Geist des Kunstpark Ost spuckt noch hier und da über das Gelände. An einer Hauswand entdecken wir ein Wandgemälde des im Januar verstorbenen Wolfgang Nöth, dem Hallenmogul, wie er von der Boulevardpresse genannt wurde. Seit Mitte der 1980er Jahre war Nöth der Spielemacher der Hallenkultur in München. Erst mit der Theaterfabrik in Unterföhring, wo Konzerte und die legendäre Sanyasin-Disco „disco orange“ stattfanden, dann die Umwandlung des stillgelegten Flughafengeländes in Riem zur riesenhaften Partyzone. Von dort zog die Karawane der Feierlustigen und Unterhaltungswütigen weiter zum ehemaligen Pfannigelände. Hier, wo der Pfanni-Knödelkönig Werner Eckart seit Ende des Zweiten Weltkriegs getrocknete Kartoffeln zu Tütenfertigprodukten verarbeiten ließ, entstand nach dem Verkauf von Pfanni das Zwischenreich der Clubs und Nachtschwärmer und der bleichen Red-Bull-Zombies jedweden Geschlechts, die im Morgengrauen durch die Gänge des Ostbahnhofs wankten, krochen, irrten, um mit der ersten S-Bahn heim ins Münchner Umland zu fahren.

Was ich bisher nicht wusste: Nöth stammt aus einer jüdischen Würzburger Familie, seine Eltern kamen kurz nach seiner Geburt ums Leben, die Mutter starb an den Folgen ihrer Haft im KZ. Der Junge wurde bei Pflegeeltern untergebracht, nach dem Krieg schickte man ihn ins katholische Klosterinternat nach Münsterschwarzach. Ora et labora, arbeite und bete, lautet die Ordensregel der Benediktiner. In Münsterschwarzach sang man dazu und spielte Musik. Mit 13 fing der junge Nöth zu jobben an, machte eine Lehre bei Neckermann, arbeite bei einer Spedition, einer Ziegelei, einer Getränke-Fabrik und als Dachdecker. Verbrachte einige Jahre in den Niederlanden und in Israel. Kehrte 1978 nach Deutschland zurück, zog nach München, wurde Teilhaber seiner Stammkneipe, dem „Fraunhofer“, und ab dann ging es mit den Veranstaltungshallen los. Mit dem Ende der Massenveranstaltungen seit letztem Jahr hat der Tod auch den Hallenmogul geholt. Oder der Mogul sich den Tod.

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Die neuen Gebäude des Werksviertels tragen ihre Namen als Teil der Fassaden. Auf einem der höheren Quader steht, wie am Eingang zum Containerdorf, WERKSVIERTEL MITTE geschrieben, damit auch niemand vergisst, wo er oder sie ist. Werk 1 – „Incubator for Digital Entrepreneurship“. Werk 7 beherbergt „coole Shops und innovative Gastronomie“. Werk 4: „Auf einem alten Kartoffelsilo entsteht eines der spektakulärsten Gebäude der Stadt.“ Auf diesem Level des Computergames geraten Werbung und Realität allmählich durcheinander. Die Superlative und Zukunftsverweise fliegen den Userinnen nur so um die Ohren. Die Architektur von Werk 12 sei „eine Wiedergeburt der industriellen Vergangenheit, die die Zukunft zelebriert“. Mit ihrer gläsernen Fassade und den Kaskadentreppen soll sie „ein Gefühl von Freiheit“ vermitteln. Puh, Aaah, Wow. Naja. Hmpf.

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Das Neue, das Verlassene, das Verfallende; die Umwidmung der Alternativkultur für Marketingzwecke; Gebäude wie technokratische Gebilde, wie die Hardware für die digitale Welt, in der wir beginnen, ortlos heimisch zu werden. Allmählich dämmert mir, warum es ‚Mitte‘ heißt, weil überall Mitte ist, wo der Homo Irgendwas selbstherrlich sich als den Mittelpunkt der Erde und des Universums begreift. Ich finde das ganze Gelände schwer zu verstehen. So disparat, so widersprüchlich in seiner Ausstrahlung, fast neurotisch; mit all dem Getöse, der Hochstapelei und der mantraartigen Behauptung, dies sei die Zukunft.

Welche Zukunft?
Game over für heute. Doch halt, noch eines, das ich vergaß vor lauter Baulärm zu erwähnen. Die euphorischen Stimmen der Vögel.

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Fotos: Franz Kimmel