Nein, es steigt kein weißer Rauch auf. Es steigt auch kein schwarzer Rauch auf. Es steigt überhaupt kein Rauch auf. Es weht noch nicht einmal eine sternenbesetzte Fahne. Die einzigen Streifen und Sterne, die am Münchner Amerikahaus zu sehen sind, winden sich um den Körper Andy Warhols auf einem rosastichigen Plakat im Garten vor dem Haus, flankiert von einer Rabatte jahresletzter rosa Röschen. A rose is a rose is a rose, dichtete die Amerikanerin Gertrude Stein. Einen Moment lang imaginiere ich den Obelisken am Karolinenplatz – dort befindet sich das Münchner Amerikahaus – als einen Baum. Runder Umfang, nicht eckig, als eine stille Linde, einen Baum im Mai, a rose is a rose is a rose binde ich zur Inschrift rings um seinen Stamm. Kommt! Lest die Worte, geht einmal herum, bewegt euch im Kreis und fasst euch an den Händen, tanzt um den Baum, nun hat der Reim kein Ende mehr und keinen Beginn, er reimt sich endlos dahin, a rose is a rose is a rose is a rose, schneller, tanzt schneller, noch schneller, der Atem rast, das Blut wird heiß, arouse arouse arouse… rattatam, rattatam, rattatam… Das Quietschen der Trambahnen, die um den Karolinenplatz kreisen, reißt mich aus meinem amerikanischen Traum. Nein, es steigt kein Rauch auf. Das Novemberwetter ist trübe wie unsere Stimmung. Die Wahl zum 46. Präsidenten der USA ist noch ungewonnen, und der schwarze, vierkantig aufragende Obelisk kündet von Kriegen, von Dreißigtausend, die den Tod fanden, und nicht von den Iden des Mai.

Foto_by_Franz-Kimmel



Andy Warhol blickt skeptisch von seinem Plakat. Skeptisch und aufmerksam und wach. Ein Blick aus einem anderen Jahrhundert, aus einer vordigitalen Zeit. Der fotografierte Warhol hält einen Farbpinsel in der Hand und hat auf die Flagge, in die sein Körper gehüllt ist, den flüchtigen Ansatz eines neuen Streifens, eines Blutgeschmiers gemalt. Ach, Amerika (Nord), Land of the Free, Home of the Brave. Franz und ich umrunden den Karolinenplatz, wir gehen heute nicht weit, spazieren nur im Kreis. Das Leben in der Stadt hat sich zurückgezogen in sein Schneckenhaus. Der zweite Lockdown. Das bange Warten. Das Horchen über den Atlantik. Ich denke an die Erzählungen meiner Mutter vom Einmarsch der Amis im zerbombten Naziland. Sie, die Zehnjährige, war an der Hand meiner Großmutter dreißig Kilometer zu Fuß zu Verwandten aufs Land geflohen. In ein fränkisches Bauerndorf, in ärmliche Verhältnisse; vergorene Milch zum Frühstück, Plumpsklo und als einzigen Rückzugsort den Schweinestall. Dann rollten Panzer durchs Dorf, die amerikanischen GIs durchsuchten Häuser, Scheunen, Ställe nach deutschen Soldaten. Meine kleine Mama sah damals zum ersten Mal in ihrem Leben einen Afroamerikaner. Sie lief dem Mann mit der gezückten Waffe neugierig und furchtlos hinterher, sehr zur Sorge ihrer Mutter und der gesamten kiegsversehrten Verwandtschaft. Ich sehe die Szene stets wie eine Zeichnung von Wilhelm Busch, das neugierige Kind, dem die geflochtenen Zöpfe vom Kopf abstehen, die Nase keck erhoben, der vordere Fuß im Schritt begriffen. Vor ihr der spähende Soldat, das Gewehr im Anschlag, die geöffnete Stalltür, Jauchegrube, Ringelschwänzchen. Viel hatte meine Mutter nie erzählt vom Krieg, aber dies. Noch als krebskranke Achtzigjährige aß sie gerne Erdnussbutter, es blieb für sie etwas Besonderes, ein special treat, eine von gottgesandten Helfern geschenkte Leckerei. Das Glas Erdnussbutter im Schrank war das Faustpfand dafür, dass selbst im größten Schlamassel unweigerlich Rettung naht und das Gute unter den Menschen letztendlich siegt

Ach, Amerika. Die Kompassnadel des Obelisken am Karolinenplatz wirft keinen Schatten, der Himmel ist bedeckt. Die Newsticker surren, die elektronische Erregtheit steigt, Franz und ich kommen heute nicht weit. Wir trennen uns, bevor die transatlantischen Schwerkräfte unser beschadetes Amerikabild wieder ein wenig geraderücken, und das Vermächtnis der Erdnussbutter in die nächste Runde geht.

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Fotos: Franz Kimmel