Vom Kaufhof, der insolventen Warenhauskette, könnte ich erzählen, dass er vor 141 Jahren aus einem kleinen Stralsunder Laden für Garne, Wolle, Knöpfe und Stoffe hervorgegangen war. Herr Tietz, der Gründer, führte Festpreise, Barzahlung und Rückgaberecht ein. Damals neu und innovativ. Es folgten Aufstieg, Expansion, eigene Produktionsstätten, 15.000 Beschäftigte, Filialhäuser in vielen deutschen Städten, Erfolg, Enteignung und Exil; das Schicksal der von jüdischen Eignern geführten großen Warenhäuser.
Nach dem Weltkrieg weiteres Florieren und Expandieren, Zukaufen und Fusionieren. Aus der ursprünglichen Galerie Kaufhof GmbH wurde die Kaufhof Holding, dann die Kaufhaus Warenhaus AG, dann wieder Galeria Kaufhof Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Im Januar dieses Jahres wurde der Name Kaufhof schließlich ganz getilgt zugunsten von Karstadt Warenhaus AG. Wegen Corona, heißt es, müssen jetzt Filialen schließen. Corona setzt dem garstigen Wegrationalisieren ein Krönchen auf.

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Der Kaufhof am Münchner Stachus war einmal eine Institution! Die Schaufenster zur Sonnenstraße sind nun zugeklebt, im Inneren ist großer Ausverkauf. Alles muss raus. Ein großer Wal, der verendend am Straßenstrand liegt und ausgeweidet wird. Die Verkäuferinnen sind schon verschwunden, es gibt nurmehr Kassenpersonal. Alles Beschönigende wurde entfernt, das Gerippe liegt bloß. Ein Geruch von Trauer und Fäulnis umweht das Haus. Rette sich, wer kann. Die Meeresspiegel steigen, die Öltanker schlagen leck auf hoher See, das Walsterben hat begonnen. Franz und ich umrunden das Kaufhofgebäude, biegen in eine Seitenstraße ein und steigen aufs Dach des Alpina-Parkhauses hinauf.

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In biblischen Zeiten stiegen die Menschen bei Sintflut auf Berge, um dem vorbiblischen Rat zu folgen, ein Schiff zu bauen. „Trenne dich von deinem Haus, baue ein Schiff! / Verschmähe den Besitz, erhalte dafür dein Leben. / Das Schiff, das du bauen sollst, […] sei würfelförmig…!“ heißt es im altorientalischen Atraḫasis-Epos, 19. Jahrhundert vor Christus. Und im Gilgamesch-Epos, 18. Jahrhundert vor Christus, erfolgt der Rettungshinweis: „Lasse ab vom Reichtum und suche statt dessen nach dem, das atmet. / Die Habe sei dir zuwider, erhalte statt dessen das, was atmet, am Leben. / Hol den Samen all dessen, das atmet, herauf in das Innere des Schiffs.
Liegt es an den beiden Männern von vorhin, die mit den Bibeln auf den Knien, dass ich beim Anblick der aus grobem Holz gezimmerten Konstruktion auf dem Parkhausdeck an die Arche Noah denke? Oder ist das dort kein Schiff, das noch startet, sondern eines, das schon gelandet ist, nicht Arche, sondern UFO?

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Oder gar – organischer, in Recyclingzyklen, bio-logischer gedacht – ein Nest?

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Das mit den atmenden Samen wurde jedenfalls ernst genommen. Unterhalb der Holzaufbauten ranken sich hängende Gärten, Pflanzsäckchen, Kräuter, reichlich Minze. Vermutlich als Zutat für die Cocktails, die oben im Nest gemixt werden, sobald Barbetrieb herrscht. Doch heute hat der „Kulturdachgarten“ geschlossen. Franz und ich freuen uns trotzdem, ihn entdeckt zu haben. Ein freundliches Plätzchen, das dem Großstadtlärm in luftiger Höhe erfinderisch trotzt. Öde wäre die Stadt, die keine solchen verborgenen Oasen hat. Wieder unten auf der Straße wandern Franz und ich weiter durch die Schillerstraße zur Großbaustelle Hauptbahnhof. Vorbei an weiteren Absperrhürden, Asphaltschründen und klaffenden Hausfassaden. Im abgehängten Tunnel unter einem Baugerüst schlägt uns der bestialische Geruch von feuchtem Schutt, Urin und menschlichen Exkrementen entgegen. Sollte dies die Art von Portal sein, von dem die eingangs zitierte indische Autorin spricht, kann es auf der drüberen Seite nur besser werden.


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Fotos: Franz Kimmel