Wir heben uns in die Lüfte. Der Sommer dieses außergewöhnlichen Jahres beschenkt die in der Stadt Gebliebenen mit einer Gondelfahrt durch die Geschichte. „Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie!“ Eine kleine Weile durchmessen wir die Zeiten und den Raum und sind dem Himmel näher. Ein Land, das lange zögert, eh es untergeht, liegt uns zu Füßen. Aus dem Münchner Königsplatz ist ein Provinzrummelplatz geworden. Ein paar Fahrgeschäfte, ein paar Buden, locker hingewürfelt auf die grüne Wiese. Kettenkarussell, Riesenrad, Kinderkarussell, Proseccostüberl und Bratwürste, … und dann und wann ein blauer Elefant.

Foto_by_Franz-Kimmel

Franz und ich haben eine Riesenradkabine gechartert für 12 Euro all inclusive. Keine Anstehschlangen, kein Gedränge, entspanntes Personal. „Chilliger“ sei es hier als auf dem Oktoberfest, sagt der Gondelwart, und schielt uns hinter seinen Brillengläsern lustig an. Es sei ein gutes Jahr, sie hätten Glück gehabt. Er öffnet die Sechs-Personen Kabine, heute nur für uns zwei. Wir steigen ein und auf, sind aufgeregt wie Kinder. Die dorischen Säulen der Propyläen entschwinden unter uns, die Heroen vom Griechenfries kämpfen erstmals auf Augenhöhe. Wie lange dieser Kampf um Demokratie und Freiheit schon dauert! Und weiter noch segeln wir empor, kurz blitzen die hübschen orangenen Kassettendecken im Obergeschoss der Propyläentürme auf, dann sind auch sie vorüber. Wir schweben über den Dächern. Vor uns erstreckt sich das ganze Münchenpanorama, selten nah und selten schön. Aus dieser grandiosen Perspektive haben wir die Stadt noch nie gesehen!

Wohin zuerst schauen? Guck‘ mal da! Und guck‘ mal dort! Unser begrenztes Vermögen, das Ganze als ein Ganzes zu erfassen, selbst bei ausreichender Distanz.

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Hier unter unseren Blicken ließ ein König, der nicht ruhen wollte, bis München aussähe wie Athen, den Platz der Plätze einst errichten. Eine Tempelanlage inmitten organischen Grüns nach dem Vorbild der griechischen Akropolis und zu Ehren des antiken Ideals. Hier unter unseren Blicken links die Glyptothek, zurzeit verhüllt aufgrund von Renovierungsarbeiten. Rechts die Antikensammlung in korinthischem Stil, gläserne Oberlichter, Säulen, Freitreppe, Portikus. Hier der Jahrmarkt, hier die Stadt. Hier unter unseren Blicken das Aufmarschgelände der nationalsozialistischen Garden, am östlichen Ende des Platzes der ehemalige Führererbau und der Verwaltungsbau der NSDAP, heutige Musikhochschule. Sämtliches Grün hatten die Nazis getilgt, zwei Ehrentempel errichten lassen und quadratmetergroße Granitplatten aus allen Teilen des Reiches ausgelegt, 20.000 an der Zahl. In einer fernen Zukunft landete hier unter unseren Blicken die Raumpatrouille Orion in der Tiefseebasis 104. Die Granitplatten wurden erst 1987/88 entfernt und der Königsplatz erneut begrünt.

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Hier unter unseren Blicken wurden Bücher verbrannt. Viele Bücher, zu viele Bücher, unter den Blicken zu vieler Schaulustiger. Einige Jahre darauf wurden die Ehrentempel von der US-Armee gesprengt. Ende des Tausendjährigen Reiches. Hier unter unseren Blicken zertrampeln jeden Sommer die Besucherinnen und Besuchern der Open Air Events das Gras. Operndiven, Startenöre, Popstars und Heavy Metal Bands kamen, Oh Fortuna!, Oh Kassenglück!, und jedes Jahr die Furcht vor dem geschäftsschädigenden Regen. Hier unter unseren Blicken wurde auf großer Leinwand großes Kino gezeigt. Manchmal spät abends auf dem Nachhauseweg, als ich noch in der Maxvorstadt wohnte, erhaschte ich von außerhalb der Absperrungen einen Blick auf die Leinwand und ein riesiger schwarz-weißer Jean Paul Belmondo sagte beispielsweise in die warme Sommernacht: „Wenn ich zu wählen hätte zwischen dem Leid und dem Nichts, würde ich das Nichts wählen.“ Oder jemand in einem Film, der in einer Kleinstadt in der Bretagne spielt, sprach den unvergesslichen Satz: „Du bist machtlos gegen ein Mädchen, das träumt.“ Und ein Einwohner Timbuktus sagte leise, bestimmt und mit innerer Majestät im Angesicht des Terrors der Dschihadisten: „Ich trage meinen Tod in mir.“ Nur diesen Satz. Als sei das Sterben eine vertraute Tatsache, die er nicht zu fürchten brauchte, und der Tod ein noch ungeborenes Kind, das eines Tages geboren wird. Ich glaube, keiner der besagten Filme wurde je hier auf großer Leinwand gezeigt, aber egal.

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Hier unter unseren Blicken sitzen junge Menschen und auch ältere an südeuropäisch heißen Sommerabenden auf den steinernen Treppenstufen und breiten winzige Picknickdecken aus. Andere trinken Flaschenbier und lesen Bücher. In der Halle der Propyläen wird Tango getanzt. Hier unter unseren Blicken dreht sich im Corona-Jahr ein Kettenkarussell, es gibt Schokofrüchte und gebrannte Mandeln, Liegestühle, Bratwurstsemmeln und vegane Burger. Es gibt Zuckerwatte und Kinderglück und Tränen. Auf den aufgestellten Sitzgelegenheiten steht „Bitte Abstand einhalten“. Unmittelbar neben der Piraten-Achterbahn für die ganz Kleinen räkelt sich der Barberinische Faun und stellt seine Genitalien zur Schau. Das hier vor unseren Blicken gleicht wohl doch mehr der Familienaufstellung einer dysfunktionalen Familie. Kommen Sie, sehen Sie, staunen Sie!

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Wir gondeln in einer zweiten und dritten Umkreisung übers Propyläendach hinaus, dann müssen wir wieder die leidigen Baumwollparavents vor Mund und Nase spannen, um auszusteigen. Von unten macht sich das Riesenrad fantastisch aus, das hat der Königsplatz noch nie gesehen! Manchmal sind es die kleinen kommunalen Gesten, die dem Dysfunktionalen den Stachel nehmen. Beim Kettenkarussell drei Mädchen in Dirndl. Hier auf dem Provinzrummelplatz, der nicht das Oktoberfest ist, wirken sie verkleidet, overdressed und völlig fehl am Platz. Sie sind auch bald verschwunden. Eine Truppe Sportlerinnen, schwarze Leggins, neonpinkfarbene Shirts, versuchen sich auf den untersten Treppenstufen der Antikensammlung unter Anleitung in Liegestützen. Ein kleiner Junge macht es ihnen nach und lacht. Das Kinderkarussell setzt sich in Bewegung, junge Eltern winken fliegenden Teppichen und gelben und blauen Elefanten zu.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil –.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel … (Rilke)


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Fotos: Franz Kimmel