Nun ward der Frühling unserer Distanz. Die Lindenbäume in ihren entzückend knappen zarten Blätterkleidchen säumen wie Fronleichnamsmädchen die Straßen, Gehsteige und Fahrradwege. An den Litfaßsäulen werben immer noch Plakate für Phantomveranstaltungen im März und April. Vor dem Schaufenster eines Modegeschäfts steht eine Frau in die Betrachtung einer frisch eingekleideten Schaufensterpuppe vertieft, als seien wir an einen Ort hinter dem Eisernen Vorhang zeitgereist, wo man die begehrten Dinge auch nur sehen, aber nicht kaufen konnte. Die geduldigen stummen Anstehschlangen vor den Postfilialen und dem Pennymarkt lassen ebenfalls den Verdacht keimen, im Kalten Krieg auf der falschen Seite gelandet zu sein. Covid-19 macht komische Sachen mit der Wahrnehmung. Auf die eine oder andere Weise sind wir alle bereits infiziert. Meine heutigen Symptome: Verlorene, auf der Straße liegende, einzelne schwarze Handschuhe zu sehen. Drei an einem Tag!

Eine Berliner Freundin sagt am Telefon, es sei eine Zeit der Reinigung, es würde nun vieles innerlich bereinigt werden und ins Reine gebracht. Mein bester Freund, den ich zufällig auf der Radfahrt zum Biomarkt treffe, sagt, es gebe jetzt nur noch aggressive Leute oder sehr freundliche Leute, dazwischen gebe es nichts mehr. Hinterher denke ich, eine Zeit, die niemanden gleichgültig lässt, ist doch prinzipiell nichts Schlechtes. Eine polnische Pflegekraft, meine private heilige Teresa, die unerschütterlich muntere tapfere Frau, die meinen verstorbenen Eltern in deren letzten drei Jahren rund um die Uhr zur Seite stand, sagt am Telefon, sie könne nicht nach Polen zurück und verbringe die zehnte Woche in Düsseldorf bei ihrer aktuellen Pflegeoma. Sie wäre Ostern gerne nach Hause zu ihrer Familie gefahren, aber die Wechselpolin dürfe nicht einreisen, weil die Grenzen geschlossen seien und ihr bestimmte Papiere fehlten. (An dieser Stelle eine tiefe Verbeugung vor allen Menschen, die in der Betreuung und Pflege der Betagten und Kranken arbeiten!)

Eine andere Freundin schreibt in einer Kurznachricht, sie sei verliebt in die Ruhe draußen. Wieder eine andere schwärmt von den Abendspaziergängen durch das stille Neuhausen, die sie zusammen mit ihrem Mann unternehme. Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt auf arte.tv: „Wenn wir den unfreiwilligen Faktor mal weglassen, ist es [die Corona-Krise] wie ein spirituelles Großexperiment über das Wesentliche. Mensch werde wesentlich, heißt es in der mittelalterlichen Mystik. Und so seltsam es klingt, das ist auch auf dem Boden moderner Verhältnisse offenbar wiederholbar.“ Und diese Verwesentlichung, sagt Sloterdijk, sei noch nicht vorbei. Meine Freundin, die Oratoriensängerin, sagt, sie pflücke Lungenkraut im Wald, das sei gut gegen Husten und bei Entzündungen der oberen Luftwege. Sie sagt, Lunge – wg. Corona Lungenkrankheit – habe mit Trauer zu tun. Dieser Spur folgend begebe ich mich auf den Münchner Westfriedhof. Franz war derweil beim Abendspaziergang auf dem Friedhof in Pasing.

Foto_by_Franz-Kimmel


Am Seiteneingang treffe ich eine oben noch unerwähnte beste Freundin zum Distanzspaziergang. Wie schön, ihr Gesicht nach vier Wochen zum ersten Mal wieder anzusehen. Haben wir uns verändert, mal abgesehen von den Friseurbedürftigen Frisuren? Wir spazieren die sandigen Wege an den Reihen der Gräber entlang. Friedhofsgärtner gießen Stiefmütterchen, Zwergnarzissen, Frühlingsanemonen, Schachbrettblumen, Hyazinthen. Auf einem Grab steckt ein kleines Gärtnerschild mit der Bitte, die Angehörigen mögen sich melden. In den Bäumen zwitschern die Vögel. Wir gehen voneinander entfernter als sonst nebeneinander her. Das Gespräch muss erst den Anfang und unsere Stimmen die richtige Lautstärke finden, sich über den Graben des ungewohnten Abstands von eineinhalb Metern zu schwingen.

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Ich sage, ich würde immer noch versuchen, in meinen Blogtexten einen Zusammenhang mit der verborgenen Sängerin herzustellen. Wie lange lässt sich das aufrecht erhalten? Statt nach jemand anderem zu suchen, sage ich, sucht man eigentlich nach sich selbst. Die Krise ist wie ein Vergrößerungsglas. Andere horten Klopapier, erzähle ich der Freundin, ich horte Fotos von Franz, einen kleinen Vorrat wenigstens, damit ich weiterschreiben kann.

Während ich rede und zuhöre, schaue ich mich um. Alles Laute, aller städtischer Lärm ist, dank einer infektiösen, aus einer Laune der Natur geborenen organischen Struktur, auf stumm gestellt. Wann waren die Menschen um uns herum jemals so friedlich, so aufmerksam auf sich und andere bedacht, so umsichtig, so still? Was die verborgene Sängerin bei ihren Performances, so wie ich sie mir vorstelle, sonst nur auf kleinstem Raum und für einige Minuten oder halbe Stunden zuwege bringt, schafft Covid-19 wochenlang für ganze Städte. Allerdings mit einem gewaltigen Unterschied: Viren singen nicht. Und wer, falls sie doch sängen, würde sie hören?

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Fotos: Franz Kimmel