„Will man sich nun erinnern, daß nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Geister, und vor allem die Bilder wohnen, so liegt greifbar vor Augen, was den Flaneur beschäftigt und was er sucht. Nämlich die Bilder wo immer sie hausen.“ (Walter Benjamin in: „Die Wiederkehr des Flaneurs“)

Spazierengehen hebt die Stimmung, das haben wissenschaftliche Studien ergeben. Meine Stimmung ist so erhoben, dass der Text, den ich über den ersten gemeinsamen Spaziergang mit Franz nach der Coronapause schreibe, lang und länger wird und einen zweiten Teil einfordert. Wir verlassen den Hofgarten, schlendern über den Marstallplatz, gedenken der geschlossenen Theater der Stadt. Der Intendant des Nationaltheaters rief bereits das Ende der aktuellen Spielzeit aus. Wir haben April! Die Opernfestspiele – perdu. Im kleinen Hofspielhaus in der Falkenturmstraße klebt über sämtlichen Vorstellungsplakaten das Wort VERSCHOBEN. Absagen oder verschieben? Heikle Frage. Bestimmte Worte wollen neuerdings genauer angeschaut werden. Können denn Ereignisse unbeschadet in der Zeit verschoben werden wie Kulissen auf einer Theaterbühne?

Normalisierung, noch so ein fragwürdiges Wort. Wann kehrt die Normalisierung ein? Und was man auch oft hört: Systemrelevanz. Ein irgendwie gemeines Wort, sobald es angewandt wird als gesellschaftliches Schlachtermesser. Spazierengehen, ist das systemrelevant? Relevant für welches System?

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Am Platz vor der Staatsoper, auf deren Bühne vor der kommenden Saison nicht mehr gesungen wird, geben zwei Münchnerinnen ein Distanzständchen per Video-Chat. Sie singen „Happy Birthday to You“ in ihre Smartphones, vermutlich nicht für die englische Queen. Handyinszenierungen. Hemmungslose Privatheit im öffentlichen Raum, nun, da die Fremden aus aller Welt zuhause bleiben.

Franz und ich verweilen kurz auf den Stufen des Max-Joseph Denkmals. Taubenschwärme stieben auf, fliegen konzentrierte, halsbrecherische, motorradganghafte Runden um den Herrn aus Bronze, der über unseren Köpfen thront. Max Joseph selbst, einst der erste König des Königreichs Bayern, dem die Hiesigen die allgemeine Schulpflicht und die Abschaffung der Folter zu verdanken hatten, und unter dessen Regentschaft Bayern als erstes Land der Welt 1807 die Pockenimpfung einführte, hört hört!, dieser Mann mit den zehn Vornamen – Maria Michael Johann Baptist Franz de Paula Joseph Kaspar Ignatius Nepomuk – gibt posthum einen gutmütig dreinschauenden, taubenfütternden Alten ab. Umschwärmt und angeschissen. Wir gehen weiter. Unser Spazieren hat zwar kein System, aber für uns doch unbedingte Relevanz.

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Fotos: Franz Kimmel