Mancherorts haben Sicherheitskräfte die Kinderspielplätze mit rot-weißem Plastikabsperrband umwickelt und abgesperrt, als handele es sich um Tatorte von Verbrechen. So auch im Münchner Arnulfpark, wo Franz und ich uns zum Spaziergang treffen. Park meint hier den städtebaulichen Euphemismus zwischen Hackerbrücke und Donnersbergerbrücke, für Nicht-Münchner: ein weitläufiges Neubaugebiet entlang der Schienenhauptachse zum Münchner Hauptbahnhof.

Foto_by_Franz-Kimmel

Direkt entlang der Gleise erstreckt sich ein mehrgeschossiger Riegel aus verschiedenen und doch gleichartigen Bürogebäuden. IT und Software, Pharma, Consulting, Google Deutschland. Parallel dazu die Phalanx der Wohnhäuser, quadratmeteroptimierte Balkonburgen. Oleanderbüsche und lila Flieder. Südländisch anmutend, toskanisch, Ferienwohnungskomplexe in einem warmen Land am Meer mit urbanem Flair. Eine Art Sinnestäuschung. Die Straßen tragen Namen von vorwiegend weiblichen deutschen Vorkriegs-, (Kriegs-) und Nachkriegsberühmtheiten. Marlene-Dietrich-Straße, Lilli-Palmer-Straße, Erika-Mann-Straße, Luise-Ullrich-Straße. „Leise flehen meine Lieder“, heißt ein Film von 1933, in dem die Schauspielerin Luise Ullrich eine Pfandleihertochter spielt, die sich in den jungen Komponisten Franz Schubert verknallt. Leise flehen meine Lieder,/ durch die Nacht zu dir,/ in den stillen Hain hernieder…

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Aber so unverhohlen romantisch können keine Lieder flehen, dass sie das Ringen um Natur und Grün in der Stadt, das im Arnulfpark die Form einer vertrockneten langgestreckten Spielwiese angenommen hat, in einen stillen Hain verwandelten. Die zahlreichen rot-weiß abgesperrten Kinderspielgeräte, Rutschen, Kletterseile, die Bänke, auf denen niemand sitzt, das bleiche Gras, die Löwenzähne und Pusteblumen, die den übersäuerten stickstoffreichen Erdboden mögen (Hundepisse? Nächtliche Stehpinkler?), das anrührende Vogelhäuschen am dünnen Stamm eines in symmetrischer Ordnung gepflanzten Bäumchens, die eingetopften Himbeer- und Johannissträucher vor der Kita – alles wirklich gut gemeint, das spürt man, dieses unbedingte Wollen – und da, der verlorene schwarze Handschuh auf dem Asphalt (schon wieder einer!) vermitteln am Dienstag Vormittag eher den Eindruck einer Gespensterstadt. Oder einer Skulpturenausstellung zeitkritischer moderner Kunst. Von einem Balkon hört man die Stimme eines unsichtbaren Mannes, der Anweisungen in einem Videochat erteilt. Eventuell ein Google-Angestellter, der in 150 Meter Entfernung von seinem Büro im Homeoffice arbeitet. Irgendwas stimmt hier nicht, hier ganz konkret und überhaupt. Statt eines Schubertständchens schwebt Marlene Dietrich über den Platz. Sag‘ mir, wo die Kinder sind, wo sind sie geblieben? Sag‘ mir, wo die Menschen sind, was ist geschehen? Die Ketten der gesicherten Schaukel quietschen im Wind. Sind wir doch an den Schauplatz eines tragischen Verbrechens geraten?

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Franz und ich kreuzen den Rainer-Maria-Fassbinder-Platz. Zu unseren Füßen der „Asphaltsee“, ein tatsächliches Kunstwerk aus dem Jahr 2007 von Wilhelm Koch. SATANSBRATEN lesen wir in Großbuchstaben in den Gussasphalt gestempelt. ANGST ESSEN SEELE AUF. GÖTTER DER PEST. ANGST VOR DER ANGST. SORRY NOW. – Ein Geschmack von Vorhölle. Wenn Vorhölle den Zustand beschreibt, kurz bevor das wahre Ausmaß einer bis dahin hinter schmucken Fassaden schwelenden Katastrophe sichtbar wird. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen! 
Wir haben genug vom Arnulfpark gesehen. Das gespenstische Gelände trübt die gute Laune. Wir sehnen uns einvernehmlich nach einem Café. Aber die Cafés haben geschlossen.

Die Corona-Pandemie, so liest und hört man derzeit immer wieder, sei eine Chance des Überdenkens, der Neuausrichtung, der Katharsis, ein Wendepunkt. Ein Gateway, eine Pforte. Wohin? In der Antike wurde der Eingang in die Unterwelt von mehrköpfigen Gestalten bewacht. Von Kerberos, dem Höllenhund mit seinen drei, vier, fünf und vielen Köpfen, dem Bruder der Chimäre und der rätselaufgebenden Sphinx. Mit der Aufsicht der Himmelspforte war bei den Römern der doppelgesichtige Janus betreut, Beweger der Angeln des Weltalls, Aufschließer und Zuschließer der Wolken, des Landes und des Meers. Nach Verlassen des Arnulfparks sind es nur wenige Schritte an einer Dönerbude und einem Thai-Imbisswagen vorbei bis in die Unterwelt unter der Donnersbergerbrücke. Über uns donnert der Verkehr des Mittleren Rings. Die Brückenpfeiler aus Beton werden von vielgestaltigen mythischen Wesen umschmeichelt. Die Stadt erscheint unter der Brücke authentischer und ehrlicher als in der aufgehübschten Vorhölle des seltsamen Parks. Sag mir wo die Gräber sind, was ist geschehen? Ich wünschte, genau hier würde die verborgene Sängerin auf der Schwelle von der einen zur anderen Welt wachen und singen.

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Fotos: Franz Kimmel