Oben im vierten Stock, links neben der Straßenlampe, da habe ich einmal gewohnt. Achtzehn Jahre lang war das Zwei-Zimmer-Nest zwischen den zwei Dachgauben dort oben mein Zuhause. Durch das eine Fenster, das zum Hof, blickte ich vom Schlafzimmer aus in die Krone einer großen Kastanie, die gepflanzt wurde, als das Haus kurz nach dem Krieg aus seinen Trümmern wiederaufgebaut worden war. Das andere, das Fenster in der vorderen Gaube, war mein Ausguck, mein Observatorium, mein Trostplätzchen, mein Guckloch Richtung Gott und Welt. Wie viele Stunden meines Lebens mag ich dort auf dem breiten Fensterbrett sitzend, vis-a-vis der Bennokirche, zugebracht haben! Das Schlagen der Kirchenglocken hörte ich irgendwann nicht mehr. Unten der Kirchplatz, Maibaum, Blumentröge, Bänke, eine gelbe Telefonzelle, die später durch einen pinkfarbenen Telefonpfahl ersetzt wurde. Der befindet sich immer noch am nordöstlichen Ende des Platzes. Ich nenne sie auch immer noch „meine“ Dachgaube und die Gegend um den Ferdinand-Miller-Platz „meine alte Heimat“. Ach ja.

Damals geschah es fast täglich, dass jemand an der Telefonzelle bzw. am Pfahl vorbeikam, stehen blieb und im Geldauswurfschacht nach liegengebliebenen Münzen fischte. Ich sah jedoch kein einziges Mal, dass jemand tatsächlich eine Münze fand. Ich sah Menschen den Platz überqueren, Kinderwägen schieben, Einkaufstaschen tragen, Hunde ausführen. Ich sah Menschen auf den Bänken in der Sonne sitzen. Buben kickten Fußbälle gegen die Kirchenmauer. Ich sah den Pfarrer über den Platz eilen, Ministrant*innen im Gefolge. Nachts schwankten hin und wieder Betrunkene an den Häuserwänden entlang, suchten Halt an den Stämmen der Kastanien, einige pieselten an den Maibaum. Direkt an der Kirchenmauer wankten die Betrunkenen interessanterweise nie entlang. Am ersten Mai, aber nicht jedes Jahr, wurde ein neuer Maibaum aufgestellt, Blasmusik, Bierausschank, Bratwurstgrill und katholischer Segen. Der Segen zuerst.

Von meiner Dachgaube aus hinunter auf den Platz zu schauen war besser als jedes Fernsehen, bestes Theater. Ein Mann durchquert den öffentlichen Raum, eine Frau sieht ihm dabei zu… Der Kirchenmusiker trägt in der Abenddämmerung seine Noten über den Platz. Später hörte ich sein Orgelspiel herüberwehen. Er auf seiner Orgelempore, ich auf meiner Fensterbank. Er sieht aus wie der junge Franz Schubert, lockiges Haar, Koteletten, kleine runde Brille. Mehr braucht nicht geschehen, um eine Geschichte zu beginnen. Der Kirchenmusiker sollte der Held eines von mir geschriebenen Romans werden: Kirchenmusiker mit Burnout nimmt ein Sabbatjahr und begibt sich auf die (innere) Reise. Es wurde eine Kurzgeschichte daraus. Naja… Und manchmal stand ich oben am Fenster, blickte herab und überlegte, wie es wohl sein würde, mir selber einmal zuzuschauen, wenn ich unten den Platz überquerte, und dass ich dann, wenn ich diejenige wäre, die unten den Platz überquert, das Leben, das ich führte, als ich noch dort oben wohnte, als ein altes Leben längst abgestreift hätte. Behausungen können wie Häute sein, wie Kokons, die man früher oder später abwerfen und verlassen muss, weil sie zu eng werden; das Elternhaus, die erste WG, die erste eigene Wohnung. Anders als Schneckenhäuser wachsen die meisten unserer Wohnungen und Paläste aus Stein und Beton ja nicht mit uns mit. Wenn sie es doch tun, glückliches Raumwunder innerer Größe der Umgebung, die daheim heißt, kann man zuversichtlich hausen und wohnen. Fünf Jahre bevor ich damals auszog, verfasste ich bereits Abschiedsbriefe an den Blick aus meinem Fenster vorne raus. Letters to go. Für manche Aufbrüche braucht es unendliche Geduld.

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Sobald im Frühjahr die Kastanien neben der Kirche rosa und weiß zu blühen begannen, verdeckte ihr dichtes Blattwerk die Sicht von oben und gab sie erst im Herbst wieder frei. Viele Frühjahre und Herbste später stehe ich auf dem Kirchplatz bei der Bennokirche und schaue hinauf zu den Dächern. Ach, dort oben, mein Elfenbeintürmchen vergangener Tage. Die Perspektive hier unten ist eine andere, bodenständiger, weniger entrückt. Mehr auf Augenhöhe. Gut so. An der Kirchenmauer blüht die erste Rose des kommenden Sommers.

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Die Stadt einen „mnemotechnischen Behelf“ zu nennen geht auf eine Formulierung von Walter Benjamin zurück. Mnemonisch, schwer auszusprechen, von Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung und des Gedächtnisses, Mutter der Musen. Die Stadt als Datenspeicher historischer Ereignisse, als Archiv von Architektur- und Sozialgeschichte und als lebendiges Gedächtnis des industriellen Aufstiegs und Zerfalls. In ihren Straßen und Gebäuden birgt jede Stadt zudem ein unerschöpfliches Reservoir persönlicher Erinnerungen, intimer Mementi, lebensabschnittstypischer Souvenirs. Weißt du noch, dort, und weißt du noch, hier. In dieser Gasse, an diesem Platz, vor dieser Kirche. Wie es sich verändert hat! Eigentlich gar nicht so sehr. Es riecht noch immer ein bisschen nach Weihrauch. In jeder Straße, an jeder Ecke lungern, gleich Jugendlichen auf Hartz IV, vergessene biografische Details herum, öffnen sich unsichtbare Wurmlöcher in die Parallelwelt der Vergangenheiten, magische Portale, die das absichtslose Vorübergehen zum Schlupfloch für Gedanken und Gefühle werden lässt. Schlendern ist Luxus, weil ohne Reue sich zu erinnern Sinn stiftet und Identität, und weil Sinnstiften Luxus ist. Und da drüben, in der Fachhochschule, sagt Franz, habe ich BWL studiert. Das war bevor er seiner wahren Berufung zum Fotografen folgte. Unsere Wege, unsere Umwege. Wir schlendern durch die Stadt wie andere durch Fotoalben blättern.

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Fortsetzung, Folge 11.2

Fotos: Franz Kimmel