Ferdinand-Miller-Platz, Maxvorstadt. Eine Ecke weiter liegt die Erzgießereistraße. In diesem Viertel wurde die Eintausendfünfhundertsechzig Zentner schwere Bavaria gegossen, in vier Teilen. Der Entwurf für die Statue stammte von Leo v. Klenze und dem Bildhauer Ludwig Schwanthaler. Die Erzgießer Johann Baptist Stiglmaier und dessen Neffe Ferdinand Miller erhielten 1837 den Auftrag zur Produktion in der von König Ludwig I. neu errichteten Erzgießerei; dito Erzgießereistraße. 1844 starb Stiglmaier und Miller übernahm den Job. Acht Jahre benötigte allein der Bronzeguss der oberen Teile der Dame, inklusive des aus türkischen Kanonen gegossenen Kopfes. Wer hätte heute solche Zeit! Nach Fertigstellung wurde Miller in den Adelsstand erhoben, war später Mitbegründer des Bayerischen Kunstgewerbevereins, Mitglied des Bayerischen Landtags und Abgeordneter des Deutschen Reichstags. An der Kunstakademie in München und Paris hatte er übrigens auch studiert. Wenn wir uns in diesem Tempo durch die Stadt erzählen, verwandeln wir uns in Mikroben.

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Es ist Dienstag, Wochenmarkttag. Die Verkaufsstände und Dixi-Klos für die Verkäuferinnen und Verkäufer sind seit 10 Uhr morgens aufgebaut. Es gibt Obst und Gemüse, Käse, Wurst, Kuchen, Blumen, frischen Spargel, Honig, Fisch und eine Hühnerbraterei. Franz und ich sind nach dem Ausflug in den Arnulfpark vergangene Woche ausgehungert nach belebten Plätzen. Und um nicht nur von toten, sondern auch von lebenden Personen und Persönlichkeiten zu berichten, treffen wir heute unsere Freundin und Bekannte B. Sie wohnt auf der Westseite der Kirche, ist Mitglied der facebook Gruppe „Die Aufheber“, einer in Berlin gegründeten Initiative zur Vermeidung und Beseitigung von Müll in der Stadt, und lässt im wöchentlichen Alleingang die alte Münchner Tradition des Ramadamas auferstehen. [Von bayr.: Rama dama = dt.: räumen tun wir.] Das bayerische „Wir schaffen das!“ – zur Motivation des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Damals galt es Schutt und Trümmer aufzuräumen, heute Wohlstandsmüll.

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Seit einigen Wochen klaubt B. Plastikmüll und Zigarettenkippen auf im öffentlichen Raum. Sie spricht von Stadtverschönerung. Die Coronazeit, sagt sie, habe ihre Aufmerksamkeit vom Großen ins Kleine gelenkt, auf den unmittelbaren Nahbereich ihrer Wohnung, sie nehme die Natur auf ihren täglichen Spazier- und Radfahrstrecken intensiver wahr. Der herumliegende Müll beleidige ihren ästhetischen Sinn. Sie nennt ihre freiwillige Sammeltätigkeit sogar eine Obsession. Beim Aufsammeln kommt B. ins Gespräch mit Leuten, das ist der Nebeneffekt, gestern erst mit einer Frau im Olympiapark. Diese wiederum erzählte, sie sammle Fitnesspunkte und sei Mitglied einer Gruppe, in der alle seit dem Beginn der Coronabeschränkungen Punkte für sportliche Aktivitäten sammeln. Diejenigen mit den niedrigsten Punkteständen müssen nach Ende der Kontaktsperren eine Grillparty spendieren.

Franz und ich verabschieden uns von B. und gehen weiter. Beim Herzzentrum in der Lothstraße, gleich neben der Einfahrt für die Krankentransporte, steht im Dickicht hinter dem Zaun immer noch der eiserne Laubengang aus einem anderen Jahrhundert. Das Gestänge der verwunschenen Laube ist inzwischen fast durchgerostet und malerisch von Gebüsch und Bäumen durchwachsen, dazu der Duft von Rost, Blättern und Regen.
Weiter zur anderen Straßenseite. Auf einmal Kinderstimmen, Lachen, Plappern, Zwitschern. Spielende kleine Kinder. Verborgene Sängerinnen. Ein Hort, vermutlich für die Kinder von Systemrelevanten. Wie wunderbar vertraut und vermisst die kleinen hohen Stimmen klingen. Dass etwas wirklich fehlte, das Normalste auf der Welt, wird einem oft erst dann bewusst, wenn man es unerwartet findet.

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Fotos: Franz Kimmel