Es heißt, sie tauche unangekündigt irgendwo auf, inmitten einer Wiese, an touristisch frequentierten Stellen, an einsamen Plätzen, an Kreuzungen von Spazier- und Wanderwegen. Und dann singe sie, und das sei unglaublich!

Wir beginnen unsere Suche nach der „verborgenen Sängerin“ auf der größten Münchner Wiese, der Theresienwiese. Blumen wachsen auf dieser Wiese zwar keine mehr, und das Gras muss man zwischen Schotter und Asphalt und in den Ritzen der zubetonierten Flächen suchen, aber schön ist es trotzdem hier. Schön und leer. An einem kalten Wochentag Anfang März wirkt die Theresienwiese wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt. Eine geräumige Bühne und guter Ausgangspunkt für unsere Expedition ins Ungewisse.

„Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“ (Peter Brook)

In unserem Fall wird es sich nicht um einen Mann handeln, sondern um eine Frau, jene verborgene Sängerin, deren Theaterhandlung darin besteht, unerwartet irgendwo im Freien zu erscheinen, zu singen und die Zuhörenden zu verzaubern.
Hat sie Begleitmusik dabei, einen Ghettoblaster? Trägt sie auffallende Kostüme? Worin unterscheidet sich ihr Gesang und ihr Auftreten von dem der Straßenmusikanten? Wir wissen es nicht, wissen es noch nicht, werden es vielleicht auch nie erfahren.
Franz und ich – Franz ist der Fotograf – nehmen die Suche nach der Sängerin zum Anlass, durch die Stadt zu spazieren. Gehen ohne festes Ziel.

Foto_by_Franz-Kimmel

42 Hektar freie Fläche liegen vor uns, 420.000 Quadratmeter Festwiese. Ende September, Anfang Oktober werden voraussichtlich wieder über 6 Millionen Oktoberfestbesucherinnen und Besucher zum Volksfest kommen. Aus aller Welt werden sie anreisen, sich mit Lebkuchenherzen behängen, Karussell fahren, in Festzelte drängen, Grillhendl essen und sich betrinken. In diesem Jahr jedoch versagt plötzlich jede Voraussicht. Möglicherweise bleiben die Gäste daheim und die Theresienwiese auch zur Wiesnzeit leer. Corona, nix Bavaria.

Dass sich die Stadt München einen leeren Raum von der Größe der Theresienwiese leistet, lässt mich an meine Kindheit denken und an die Genossenschaftswohnung, in der ich aufgewachsen bin. Meine zwei Brüder und ich mussten uns das Kinderzimmer auf der einen Seite des Flurs teilen, das war nicht immer angenehm. Auf der anderen Flurseite lagen das Wohnzimmer und das sogenannte Esszimmer. Letzteres wurde nur an Sonn- und Feiertagen genutzt und wenn Gäste kamen. An Weihnachten leuchtete im Esszimmer der geschmückte Tannenbaum. Ein extra Zimmer nur für Festlichkeit, ja, das muss man sich leisten können oder wollen.

Foto_by_Franz-Kimmel

7,3 Millionen Maß Bier flossen im letzten Jahr beim Oktoberfest durch die Kehlen der Vielen. Spürt man noch etwas vom vergangenen großen Rausch? Besitzen Wiesen ein Gedächtnis? Erinnert sich der graue, schneeschwangere Himmel über uns an verflogene blaue Zeiten? Oder an den Qualm gebratener Ochsen, an Ohrwurmmusik und besoffene Liebesschwüre? Ich glaube, nein. Nur wir Menschen vergessen schwer, und die Stadt mit ihren vertrauten Plätzen, Häusern, Wegen, Brücken, Winkeln, Kringeln und Ecken hilft uns beim Nichtvergessen als gigantischer Gedächtnisspeicher, als mnemonisches System.


Franz hat von seinen Fotoapparaten den kleinen handlichen mitgebracht für unauffälliges Fotografieren. Ich halte mein Smartphone im Diktiermodus bereit und ein Notizbuch in der Tasche. Wir stehen da, schauen, horchen, lauschen – nicht wie Jäger, mehr wir Fänger, Empfänger. Richten die Antennen unserer sieben Sinne aus, unserer jeweiligen Empfangsgeräte, Fotolinse und Stift, Lichttrichter und Papier. Die Aussage, man werde die „verborgenen Sängerin“ finden, wenn man nach ihr Ausschau hält, lässt uns darauf vertrauen, dass wir ihr früher oder später begegnen.

Vertrauen, nicht hoffen; eine Frage der inneren Entschlossenheit.

Und wir sind entschlossen! Obwohl die Sängerin zu finden möglicherweise lange dauern wird. Sehr lange. Aber das ist uns egal. Wir laufen quer über die Wiese zur Bavaria. Spähen von unten hinauf zu ihrem fehlenden Achselhaar. Vorher noch einen Abstecher zu der Unterführung, die ins Westend und zur alten Kongresshalle führt. Dort stoßen wir auf die Spuren verborgener Klimaneutraler.

Foto_by_Franz-Kimmel

Sie haben sich ein kleines windgeschütztes Wohnzimmer in der Unterführung eingerichtet, Besen, Schuhe, Kleidungsstücke, Decken, Matratzen, Kaffeetassen, Aschenbecher, eine Pralinenschachtel mit der Aufschrift „Süße Grüße aus Bayern“ – Decken und Matratzen zusammengerollt. Weitere Habseligkeiten entdecken wir gut versteckt hinter dichten Efeuranken am Aufgang der Unterführung.

Singt die Sängerin am Abend zur blauen Stunde für Leute wie diese? Ihnen zu Ehren. Obdachlose hinterlassen den zierlichsten CO2-Fußabdruck. Niemand lobt sie dafür. Warum wird eigentlich das Argument „wenn das alle so machen würden“ meist nur vorgebracht in Fällen, in denen alle etwas NICHT machen sollen? Als Verbotsargument, ex negativo, nie als Motivationsargument. Du sollst frei sein von Ballast.
Apropos, rund um die Theresienwiese wirbt die Bayernpartei auf hellblauen Wahlplakaten mit der Parole: „Mobilität für alle. Auch für Autofahrer.“ Willkommen im Jahr 2020.

Ein kurzer Schneesturm wirbelt Eisgraupel über die leere Fläche. Für ein Konzert hätte die Sängerin wenig Publikum heute. Wir begegnen vereinzelt Menschen mit Hunden, und Menschen mit roten Hundekotplastiksäckchen in den Händen, und einem Hund in einer gelben wattierten Neonwestenverpackungung, und einer Frau mit Mopszwillingen an Leinen in zwei Farben (vermutlich, um die Zwillinge auseinanderzuhalten). Im Süden der Wiese bei der verwaisten Skaterbahn und den Hockeytoren versucht sich eine Miniaturfußballmannschaft, bestehend aus drei Jungs, an einem Spiel. In jedem Tor steht einer und einer steht auf dem Feld.

Und dann zieht eine kleine Prozession wie Oktoberfestgespenster an uns vorüber, etwa zehn Personen, Festgäste, Frauen, Männer. Der vorneweg trägt eine grün-weiße Papiergirlande über der Schulter, eine junge Frau hat eine hübsch geflochtene Hochsteckfrisur, unter dem Mantel einer anderen lugt der Dirndlrock hervor. Eine dritte und eine vierte transportieren Blumensträuße und Papiertüten, aus denen Geschenkverpackungen ragen. Alle scheinen guter Laune, reden angeregt, lachen, sehen aus, als kämen sie von einer fröhlichen Veranstaltung. Im farbenfrohen Mittelpunkt der Gruppe spaziert eine kleinere Frau in knielangem, weiten roten Rock und bunter Jacke. Sie hat sich bei einer der Blumenstraußträgerinnen untergehakt. Du meine Güte! Ist das die verborgene Sängerin? Haben wir die Premiere verpasst?! – … Da sind sie schon vorbei und ihre Stimmen in der kalten Luft verklungen.

Wir gehen weiter. Sind uns sicher: das ist sie nicht gewesen. Am östlichen Rand der Wiese säumen Bäume den Fußgängerweg in einer sanft gebogenen Allee. Wenigstens hier ein bisschen winterbraunes Grün am Boden. Auf der Wetterseite der Baumstämme klebt Schnee. Dass wir die Sängerin gleich beim ersten Spaziergang aufspüren würden, war nicht anzunehmen. Wonach suchen wir eigentlich genau? Würden wir ihren Gesang denn erkennen?

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Fotos: Franz Kimmel