Utopien und Verfehlungen. Es sollten heitere Spiele werden im Sommer 1972, ein Gegenentwurf zur Olympiade 1936 in Berlin, wo die Nationalsozialisten den olympischen Gedanken mit Heldenpathos überzuckert hatten. In München plante man Spiele im Grünen, bunte Spiele, man wollte Völkerverständigung und Weltoffenheit demonstrieren, ein anderes Deutschlandbild zeigen, ein Land zeigen, das aus seiner Vergangenheit gelernt hatte. Man wollte Licht und Schönheit, Farben und kluge Lösungen, Peace und Happiness. Man war mutig und wagte einen großen Entwurf. Man entschied für ein Stadion, dessen Dach im Modell aus Nylonstrümpfen gebastelt war. Aus Nylonstrümpfen wurde einzigartige Architektur. Das Olympiadorf wurde konzipiert als Musterstadt der Moderne, als ein Dorf für die Welt, ein Global Village. Die U-Bahn wurde gebaut. Die ganze Stadt war eine Baustelle, erinnert sich Franz. Ich persönlich erinnere mich nur an Waldi, den Stoffdackel, das Olympiamaskottchen, und an seine super 70er Jahre Farben: Skianorakhellblau, Tchiboorange, Russische-Eiergelb, Bayerischblau und Grün wie die Apfelschampooflasche meiner älteren Schwester.

Aus 121 Ländern reisten Athletinnen und Athleten, ihre Trainer und Betreuer nach München, um in einundzwanzig Sportarten gegeneinander anzutreten. Elf von ihnen kehrten nicht mehr heim. Ein dunkler Schatten liegt über den heiteren Spielen. Man hatte alles richtig machen wollen, und dann war es so schrecklich schiefgelaufen. Am Abend des 4. September nehmen Mitglieder einer palästinensischen Terrororganisation namens Schwarzer September einen Teil der israelischen Olympiamannschaft, Sportler und Trainer, in deren Unterkunft in Geiselhaft. Die Geiselnehmer sind mit Sturmgewehren bewaffnet. Es wird geschossen. Zwei Sportler erliegen ihren Verletzungen. Die anderen werden am nächsten Tag nach Verhandlungen aus dem Olympischen Dorf zum Flughafen Fürstenfeldbruck gebracht. Während einer aus heutiger Sicht ziemlich dilettantischen Befreiungsaktion am Flugfeld sterben die übrigen Geiseln sowie fünf der acht Terroristen und ein deutscher Polizist. Unterstützung bei der Vorbereitung der Aktion erhielten die Täter durch deutsche Neonazis, eine Vermutung, die erst nach Freigabe von Akten des Verfassungsschutzes im Jahr 2012 offiziell bestätigt wurde. When will we ever learn…  

Nach dem Tod der israelischen Sportler wurden die Spiele für einen Tag unterbrochen. Am 6. September fand im Stadion eine Trauerfeier statt. „Bei dem, was wir erleben mussten, besteht keine Trennungslinie zwischen Nord und Süd, keine zwischen Ost und West“, sprach Gustav Heinemann mit gefasster Stimme. „Hier besteht eine Trennungslinie zwischen der Solidarität aller Menschen, die den Frieden wollen und jenen anderen, die in tödliche Gefahr bringen, was das Leben lebenswert macht. Das Leben braucht Versöhnung.“ Die Münchner Philharmoniker spielten den zweiten Satz der „Eroica“, Marcia funebre. Dann ließ der Präsident des Olympischen Komitees die Wettbewerbe fortführen mit dem Satz: „The games must go on!“

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Als die Spiele vorüber waren, wurden die Unterkünfte der Sportler*innen zu Wohnungen umfunktioniert und von der Stadt vermietet und verkauft. Die Nachfrage war zunächst verhalten. 5000 Wohneinheiten. Um den ersten neuen Bewohner*innen ein Gefühl von Sicherheit zu geben, knipsten dienstbare Geister und Hausmeister die Lichter in leerstehenden Wohnungen an. Allmählich belebte sich das Dorf. Studentinnen und Studenten nahmen die zweistöckigen kleinen Bungalows am südlichen Dorfrand in Beschlag, bemalten den Beton, bepflanzten die Balkone. Anarchie und Hippietum, bis heute, weil die Architektur es so will. Wo sind wir? frage ich, als Franz und ich gleich Ethnografen durch die Siedlung pirschen. Welche Stadt? Welches Land? Welche Epoche?

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Das ganze Olympische Dorf, eine konkret gewordene Utopie. Ein Eldorado für Familien mit Kindern, ein Rollatorengängiges Fußgängerviertel. Der komplette Autoverkehr wurde in den Untergrund verbannt zu den Tiefgaragen. Ein inklusives Dorf von Welt. Am zentralen Platz vor der Einkaufspassage tickt noch immer die digitale Weltzeituhr und zeigt die Uhrzeiten von Dakar, Las Palmas, Berlin, Tel Aviv, Johannesburg, Bagdad, Nairobi, Moskau, Bangkok, Tokio, Sydney, Brasilia, Caracas, Monterrey, Mexico…

An welchem Tag, um welche Uhrzeit hat es eigentlich angefangen, dass man aufgehört hat, Utopien zu entwerfen? Seit wann sind Dystopien in der Gunst des Publikums gestiegen, warum verkaufen sich Horror, Kriminalfälle, Endzeitszenarien, Negativität so ungeheuer gut? Seit wann werden keine positiven Zukunftsvisionen mehr gesponnen? Seit wann ist nur mehr von Schadenseindämmung und Schadensbekämpfung die Rede? Hat die Menschheit verlernt zu träumen? Seit wann konzentrieren wir uns darauf, dass sich alles zum Schlechten wenden wird? Seit den Nuller Jahren? Seit dem Mauerfall? Seit dem 5. September 1972? Oder dem 11. September 2001? Seit wann haben wir das Vertrauen in das Große Ganze, den gütigen Kosmos, Pachamama, Gaia, Mutter Erde, das kreative Fluidum oder wie auch immer man das nennen mag, was die Welt im Innersten am Leben und zusammenhält, und ohne jetzt gleich esoterisch zu werden, verloren? Kann mir das einer verraten?

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Im Olympiadorf ist die Utopie zum Sanierungsfall geworden. Der Beton ist spröde und wird nach und nach aufwendig erneuert und renoviert. Efeu klettert über die Fassaden, Gras und anderes Grün wächst aus den Ritzen der Fußbodenplatten. Organische Prozesse machen vor nichts Halt. In der Conollystraße 31, hellblaue Farbmarkierung, hängt ein handgeschriebener Zettel in der Eingangstür aus Glas: „Liebe Nachbarn, falls ihr in diesen Tagen wegen der Ansteckungsgefahr die Wohnung nicht verlassen könnt oder wollt, erledigen wir gerne Supermarkt- und Apothekeneinkäufe oder andere dringende Besorgungen für euch. Natürlich für umsonst.“ Vogelgezwitscher und der Baulärm der Betonsanierung. Das Geschehene hört nicht auf zu geschehen.

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Fotos: Franz Kimmel