Foto_by_Franz-Kimmel


Wo in anderen Jahren um diese Zeit das Tollwood Festival stattfindet, wächst in diesem Jahr Gras drüber. Auf dem leeren Festplatz sprießt ein zarter grüner Flaum wie Haare auf einem Glatzköpfigen, dessen Hormonhaushalt von einer frischen Liebe verjüngt und gedüngt wurde. Der Festivalbetrieb macht Pause. Keine Theater- und Musikzelte, keine fliegenden Bauten, keine Food-Buden und Bierbänke, keine Sonnenschirme, Caipirinha-Bars und veganen Reisgerichte. Kein Rucksackurlaub-in-Thailand Feeling, keine Menschenmassen, kein Lärm, keine laute Musik, keine ausverkauften Konzerte, keine Umsonstdarbietungen im Freien, kein alkoholseeliges Gruppenchillen auf den Hügeln hinter den Zelten und Marktständen mit Sonnenuntergang über dem Olympiastadiondach. Die Sonne allerdings geht weiter auf und unter, unbeirrt.

Wie macht sich das Leise bemerkbar? war ein Satz, den ich mir zu Beginn unserer Recherche in Bezug auf die verborgene Sängerin notierte. Und dann wurde wundersamerweise und für eine kleine Weile, pandemisch bedingt, tatsächlich der allgemeine Lärmpegel ein wenig herunter gedimmt, sodass die leisen bohrenden Fragen, die an der Gegenwart nagen, deutlicher zu vernehmen waren. Für die, die sie vernehmen wollten.

Wie macht sich das Leise bemerkbar? Es braucht sich gar nicht bemerkbar zu machen, denn das Leise ist immer da, stets bereit, gehört zu werden. Es wartet geduldig, es hat niemals Eile. Es existiert in Stille und heiterer Opulenz. Es ist großartig und bescheiden zugleich. Selbstgenügsam und überschwänglich. Es ist ein Witz, ein Geschenk, eine unerwartete Gnade (vor allem wenn der Kopf gerade surrt und brennt). Es gibt Antwort auf bohrende Fragen, ist eine Passage von hier nach dort. Und manchmal, in seltenen Fällen, nimmt das Leise auch die Gestalt eines Ortes an. Eines utopischen Ortes. Von der konkreten Utopie hatte ich bereits gesprochen. Utopie vom altgriechischen ou-: „nicht-“ und topos: „Ort“. Nicht-Ort. Ein Ort, den es eigentlich nicht gibt.

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Die Ost-West-Friedenskirche auf dem Oberwiesenfeld, unmittelbar neben dem Tollwood-Gelände, ist so ein Ort. Ein wahnwitziges Unterfangen, oder wie es der frühere Oberbürgermeister Christian Ude gerne sagt: Der charmanteste Schwarzbau Münchens. Das Oberwiesenfeld diente in früheren Zeiten als Exerzier- und Artillerieübungsplatz, Landestelle für Ballone und Luftschiffe, mit dem beginnenden 20. Jahrhundert auch als Flugplatz für Passagierflugzeuge. 1939 löste der Flughafen München-Riem das Oberwiesenfeld ab, bis Kriegsende nutzte es noch die Luftwaffe.
Nach dem Krieg wurde es leise ums Oberwiesenfeld. Wie heute wuchs wieder Gras drüber, Brennnesseln, wilde Kräuter und Gebüsch. Dann begann etwas Neues.

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Timofei Wassiljewitsch Prochorow und seine Begleiterin Natascha, beide in Russland geboren, er noch zur Zarenzeit, trafen Im Jahr 1952 in München ein. Timofei hatte während des Kriegs eine Marienvision gehabt. Eine Lichtsäule war vom Himmel gekommen. Aus dem Licht trat Maria und sagte: „Timofei, geh in den Westen und bau mir eine Kirche! Nenne sie Friedenskirche von Ost und West.“ Timofeis Ehefrau war zu der Zeit mit dem dritten Kind schwanger, er selbst war von deutschen Wehrmachtssoldaten gezwungen worden, deren Rückzug mit seinem Pferdefuhrwerk zu begleiten. Über Polen und die Tschechoslowakei gelangte Timofei im Tross von Soldatentrupps bis nach Wien. Dort lernte er Natascha kennen. In einem verlassenen Militärlager richteten sie eine Bäckerei ein und verkauften Brot. Später fanden sie Unterkunft bei einem Bauern in Graz. 1950 die zweite Marienvision. Diesmal lautete die Ansage: Kirche bauen in München.

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Zwei Jahre später, mit Aufenthalten in verschiedenen Flüchtlingslagern, erreichten Timofei und Natascha die bayerische Landeshauptstadt. „Der genaue Ort für meine Kirche ist am Oberwiesenfeld,“ verkündete eine dritte gesichtete Maria. Natascha und Timofei machten sich ans Werk. Baumaterial fanden sie auf den Schuttbergen. Zum Geldverdienen arbeiteten sie auf einem Friedhof. Mehrmals wurde Timofei wegen eigenwilligen Bauens verhaftet, aber sie machten jedes Mal weiter. Die Ost-West-Friedenskirche entstand, ein kleines Wohnhaus, und nach einer weiteren Vision, diesmal der Erzengel Michael, errichteten sie auch für den noch eine Kapelle. Sie hatten kein fließendes Wasser und keine Toilette, bauten Obst und Gemüse an. Menschen brachten ihnen Essen und Kleidung, spendeten Geld und schrieben bald von weither Briefe, mit der Bitte, Väterchen Timofei möge für sie beten. Von den „normalen“ Pfarrern wollte jedoch keiner die Kirche nutzen, weder die katholischen noch die orthodoxen. – „Das alle eins seien. Johannes 17.21“ steht heute noch über dem Eingang zum Kirchenraum.

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Hohe Bäume umstehen den verzauberten Garten, der auch die Olympiade überlebte, obwohl bereits der Abriss drohte. Dank engagierter Bürger*innen und Artikeln in der Presse wurde das Paradiesgärtchen gerettet. Die offizielle Adresse lautet nun Spiridon-Louis-Ring 100. Tulpen und Pfingstrosen blühen, Wildes und Gepflanztes, rosarote Weigelien, ungezähmte Malven. Ein kleiner Ginkobaum, Obstbäume und zwei junge Walnussbäume, der Holunder duftet. An einem Busch baumeln bunte Ostereier. An den Ästen eines Baumes neben dem ehemaligen Wohnhaus, das ein winziges Museum beherbergt, hängen Babyschnuller. Ein Vogelhäuschen, Marienstatuen, Windspiele; die weiß angemalte Kirche mit den hellblauen Flügeltüren und hellblau eingefassten Dächern. Innen ein Sammelsurium billiger Heiligenbilder und Ikonen, abgetretene Perserteppiche, Plastikblumen, kitschig und kurios. Die Kirchendecke über dem Altar wurde mit Staniol und Alufolie ausgekleidet. Wenn man sich nicht bewegt, hört man das Staniolpapier ganz leise knistern. Alles ist ein bisschen schief, auf anrührende Weise zusammengestückelt, wie von Kindern gemalt, entworfen, ausgedacht. Ein verwunschenes Improvisorium, das überhaupt nicht vollkommen sein will und darf und soll, und beiläufig die Frage aufwirft, ob nur das vom Menschen Improvisierte den Menschen zu überdauern vermag, und jede Sache, die Perfektion, Absolutheit und Vollendung sucht zwangsläufig im Scheitern oder sogar der Zerstörung enden muss. Das Leise macht sich jedenfalls nie mit einem Knall bemerkbar. Es bleibt in der Schwebe, bewahrt seine Unabgeschlossenheit, es bleibt sich treu.

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Im hinteren Garten entdecken wir ein Grab. Das hat Timofei nach dem Tod seiner Natascha 1977 errichtet, ein symbolisches Grab. Er selbst wurde 110 Jahre alt und starb im Juli 2004. Als Nachfolgerin Nataschas kümmerte sich Frau Gerner, ebenfalls aus der Sowjetunion stammend, um Timofei. Sie sorgte für ärztliche Betreuung, ein Bankkonto, eine Rente und nahm Kontakt zu Timofeis Familie in Russland auf. Seine Kinder besuchten ihn mehrmals in München. Er muss ein geselliger Eremit gewesen sein. Im Winter reisten Frau Gerner und Timofei für gewöhnlich nach Davos und liefen Langlaufski.

Die Geschichte des Väterchens Timofei mag man glauben oder nicht. Sie ist nicht wahrer und falscher als die einer geheimnisvollen Sängerin, die unerwartet in der Landschaft steht und auf beglückende Weise singt. Überzeugt euch selbst. Die kleine Oase im Olympiapark erzählt keine Lügen.

Fotos: Franz Kimmel