“Beginning again and again is a natural thing even when there is a series. (…) Continuous present is one thing and beginning again and again is another thing. These are both things. And then there is using everything.” (Gertrude Stein: Composition as Explanation)

Im Hinterhaus der Schellingstraße 50 befand sich seit dem Jahr 1925 das Parteihauptquartier der NSDAP. Die „Osteria Italiana“ auf Nummer 62, im Haus mit den fetten Weintrauben über der Tür, hieß bis nach dem Krieg „Osteria Bavaria“ und offerierte ihren Gästen als eines der ersten Münchner Lokale italienische Küche. Die Inneneinrichtung und die Wandbilder mit mediterranen und bayerischen Landschaften sind noch weitgehend erhalten. Dort sah man um die vorletzte Jahrhundertwende Franziska zu Reventlow mit Anhang, sie feierten und litten das prekäre Leben der Schwabinger Bohème. Dort traf sich Oskar Maria Graf mit den Redakteuren des Simplicissimus. Dort machen junge amerikanische Touristen heute Selfies von sich an Hitlers Lieblingstisch und posten sie in unbekümmerter Geschichtsvergessenheit im Internet.


In seinen Lebenserinnerungen „Gelächter von außen“ schreibt Graf über die Osteria: „Das Restaurant hatte einen kleinen ummauerten Garten mit Weinlaub und bunten Lampions, der im Sommer sehr kühl war. Im Winter saßen die besseren Gäste im offenstehenden hinteren Nebenzimmer, das man vom vorderen Raum gut überschauen konnte. Da saß der Mann mit einigen seiner Paladine, saß da wie nicht für den Zivilanzug geschaffen und war unbeschreiblich öd anzuschauen, wenn er sich leger gab und ab und zu kurz auflachte. Pflichtschuldigst, immer mit dem Blick auf ihn, lachten dann die anderen auch, ….“
In der Schellingstraße 39 waren die Arbeitsräume des „Völkischen Beobachters“. Davon ist nur die Hausnummer geblieben.

Foto_by_Franz-Kimmel


Eine Straße gleicht im Grunde einer Wurst. Bevor man hineinbeißt, weiß man nicht, was alles darin verwurstet ist, währenddessen eigentlich auch nicht so genau.

Foto_by_Franz-Kimmel


Vorne am Straßenzipfel habe ich Theater und nordamerikanische Literatur studiert. Franz hat auf der Studiobühne fotografiert. Da haben wir uns aber nicht getroffen. Meine jungendliche Begeisterung für Amerika ist mir inzwischen abhandengekommen. Als Anfang Zwanzigjährige vertiefte ich mich in die Sprache und die Sätze von Gertrude Stein und glaubte bereits am Wurstende meiner eigenen Schreibversuche zu sein. Gertrude schien schon gemacht zu haben, was ich machen wollte: Sie hatte eine Sprache, einen Ausdruck gefunden für Gegenwärtigkeit. Für die Gleichzeitigkeit des Gleichen und des Ungleichzeitigen. Sämtliches, was in jedem Moment um uns herum und mit uns passiert, was ist und was war, Erinnertes, Erfahrenes, Erkanntes, Unbekanntes und Erfühltes, Gegenwart und das Eingedenken der Vergangenheit, jene hochkomplexe, vielschichtige Simultaneität, in der wir uns unablässig bewegen, und die das linear geschriebene Wort so schwer zu fassen vermag, stellte Gertrude Stein in einen gleichberechtigten Zusammenhang. Ihre Bücher zu lesen war Meditation. Weibliches Schreiben vollzieht sich in Kreisbewegungen, in Rhythmen, Gliederungen des Flusses und Wiederholungen, weil Kreisläufe die Bewegungen des Lebens sind, ein Tanz. Bei einigen Kreisläufen kommt man immer wieder an denselben Scheißhaufen vorbei – um in der Sprache der Bedürfnisanstalt zu bleiben –, bei den anderen wird etwas rund und ganz.

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Vor einem Wohnhaus steht ein Karton mit ausgesetzten Kaffeetassen. Franz nimmt ein Foto davon für uns mit

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Fotos: Franz Kimmel