„Mit dem Herumlaufen allein ist es nicht getan. Ich muß eine Art Heimatkunde treiben, mich um die Vergangenheit und Zukunft dieser Stadt kümmern, dieser Stadt, die immer unterwegs, immer im Begriff, anders zu werden, ist.“ (Franz Hessel)

Auch wenn die einsamen Flaneure des 20. Jahrhunderts, Walter Benjamin, Robert Walser oder der oben aus seinem „Lehrbuch der Kunst spazieren zu gehen“ zitierte Franz Hessel, gewissermaßen die Avantgarde unseres Spaziergangprojekts auf der Suche nach der verborgenen Sängerin sind, so kümmern Franz und ich uns vor allem um die Gegenwart, das Hier und Jetzt der Stadt München, durch die wir, ab sofort nicht mehr einsam, spazieren. Nach den Lockerungen der Ausgehbeschränkung dürfen wir uns wieder gemeinsam im Freien aufhalten. Fast wären wir uns zur Begrüßung freudig um die Hälse gefallen… ­– nein, besser nicht. Ähnlich ging es auch den zwei Frauen, die ich kurz zuvor in der Fußgängerzone im Vorbeigehen beobachtete. Auch diese beiden hatten sich augenscheinlich mehrere Klausurwochen lang nicht gesehen. Die ersten Worte: „Zwei Meter Abstand, oder!?“ Beiderseitiges Lachen über die veränderte Begrüßungsformel. Die Regeln des Umgangs müssen neu vermessen und zur sozialen Vergewisserung erst ausgesprochen werden. Je nachdem, wen man trifft, sind es eineinhalb oder zwei Meter Nähe bzw. Distanz. Die Füße verharren hinter einer unsichtbar auf den Asphalt gemalten Linie, die Oberkörper dagegen neigen sich leicht einander zu. Die eine Frau trägt einen geblümten Mundschutz. „Selbstgenäht?“ fragt die andere. Auch das, die Frage nach dem Selbstgenähten, gehört zur neuen Etikette. … Diese unglaubliche Fähigkeit des Menschen, sich anzupassen, woran auch immer.

Foto_by_Franz-Kimmel


In der Innenstadt wird schon wieder eingekauft, obwohl es nicht viel wieder einzukaufen gibt. Leute tragen Take-away-Papiertüten und To-go-Pappbecher in den Händen. Etliche Gastronomiebetriebe haben auf Straßenverkauf umgestellt. Das Bedürfnis nach Konsum vermochte das Virus nicht zum Erliegen zu bringen. Ab nächster Woche dürfen viele Läden öffnen. Hinter den Fenstern der noch verschlossenen Geschäfte erwacht Betriebsamkeit. Dieses und jenes wird hin und her geschoben, Schaufensterpuppen werden eingekleidet, Ladeninterieurs geputzt und dekoriert, manche Ladentür steht schon offen, ein Stuhl im Eingang, der den Zugang verwehrt. „Baupause, aber keine Denkpause“, verkündet das Plakat im Fenster des Theatermuseums. Und von den roten Zeitungsverkaufsboxen am Gehsteig souffliert die poetische Headline der tz: „Der Schlaf in der Krise. So verändern sich die Träume“. Mit den Worten Hamlets, des immerwährenden Theaterprinzen, möchte man fortfahren: Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts:/ Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,/ Wenn wir die irdische Verstrickung lösten,/ Das zwingt uns stillzustehn.

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Obwohl das Leben in der Krise vermeintlich stillsteht, geriet doch einiges, während wir im Dämmer des Ausnahmezustands abwarteten, in Bewegung. Dinge verändern sich und werden möglich, die vor fünf Wochen unmöglich und unveränderbar erschienen. Die englische Queen feiert ihren 94sten Geburtstag per Video-Chat. In der Schwanthalerstraße, schräg gegenüber von Saturn Hansa, wird der Sanierungsfall des seit Jahrzehnten leerstehenden, langsam verrottenden Wohnhauses endlich angepackt. Und das Oktoberfest wurde tatsächlich abgesagt. Millionen unverborgene Kehlen werden in diesem Jahr kein Prosit der Gemütlichkeit grölen und auch kein „Cordula Grün“ (ein Wiesnhit vergangener Jahre, ich habe mangels eigener Wiesnbierzelterfahrung recherchiert).

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Franz und ich beginnen unseren Spaziergang am Odeonsplatz. Das Wort spazieren stammt vom italienischen spaziare, sich räumlich ausbreiten, sich ergehen, und hat seinen Ursprung im aristokratischen Lustwandeln in Gärten und fürstlichen Parks. Wir simulieren diese historischen ersten Spazierschritte im Münchner Hofgarten. Über den staubigen Kies rollen die Boulekugeln. Sport ist erlaubt. Im Biergarten sitzen dagegen ist nicht erlaubt. Die Tische und Stühle der Cafés lehnen gestapelt und aufgeräumt an den Häuserwänden. Die arbeitslosen Sonnenschirme stehen eingepackt Spalier. Nur die Kastanienbäume, kraftstrotzend in voller Blüte, künden schon vom kommenden Sommer. Die sehenswürdigen Hotspots der Stadt muten ohne Touristinnen und Touristen heimelig an. Ach, jetzt ein Apfelsaftschorlenglas auf grünem Biergartentisch, in das eine weiße Kastanienblüte hineintaumeln könnte, als zärtlicher Gruß von Baum zu Mensch.

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Fotos: Franz Kimmel