Über ein Bauprojekt des Architekten Peter Haimerl in Niederbayern

Geister kann man auf vielerlei Weise beschwören. Man kann versuchen, sie herbei zu zitieren, sie anzurufen und zum Sprechen zu bringen oder aber allerlei Ritualzauber veranstalten, um sie zu verscheuchen, sie auszutreiben und verstummen zu lassen. Im ersten Fall geht es meist um die Geister von Toten. Sie sollen Fragen beantworten, Rat geben, Zeichen senden, sich zumindest symbolhaft bemerkbar machen. Der Tod ist eine große Reise. Die Verstorbenen sind weit herum gekommen, und wer ins Jenseits geschaut hat, weiß möglicherweise Dinge, von denen wir hier sonst nur träumen.

Der andere Fall liegt komplizierter, die Geister sind längst da, lange schon, nicht erst seit gestern, seit irgendwer kürzlich verstarb. Sie sind kaum mehr menschlich. Ihre Anwesenheit ist hochgradig unerwünscht. Allein das Gefühl, es könnte da etwas sein, soll verschwinden.
In beiden Fällen erfordert die Beschwörung, an Geister zu glauben, ein bisschen wenigstens. Doch manchmal können Menschen etwas spüren, die Geister für Aberglauben halten, für verrückte Spinnerei, esoterischen Schmarrn. Es fällt ihnen dann schwer, davon zu sprechen. Und es ist ja auch schwer, Sein und Nicht-Sein im selben Atemzug zu benennen.
Aller moderner naturwissenschaftlichen Erkenntnis, allem Science & Tech zum Trotz, haben die Menschen nie aufgehört von Geistern zu erzählen. Geschichten, die meist in die Schubladen der Märchen, Sagen, Fiktion und Fantasy geschoben werden. Aber Schubladen sind keine Tresore. … Hui Buh! Das wäre eine gute Einleitung für ein Gespensterstück. Doch ich möchte im Folgenden über Architektur nachdenken.

Mitte November 2024 begleite ich den Bauingenieur Thomas Beck auf einer Fahrt nach Niederbayern, um im Schöllnacher Ortsteil Jetzing ein Haus zu besichtigen. Thomas arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit dem Architekten Peter Haimerl zusammen. In der bayerischen Architekturszene und darüber hinaus ist Peter Haimerl bekannt. Er wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, seine Architektur hat den Ruf zu polarisieren.
Dem eigenen Credo folgend, soll jedes Haus, jeder Umbau, jeder Entwurf von Peter Haimerl ungewöhnlich sein. Er vergräbt Konzertsäle im Boden (Haus Marteau) oder lässt sie wie Monolithen aus Granit in Ortsmitten landen (Konzerthaus Blaibach). Er verleiht Genossenschaftswohnungen das Aussehen von Bienenwaben, sodass die Bewohnerinnen und Bewohner in Oktogonen leben, ohne gerade Wände (München Riem).

Auf seiner Website lese ich in der Projektbeschreibung zur Revitalisierung eines alten Waidlerhauses im Bayerischen Wald  – „Schedlberg. Ein Haus für Denker“:
„Der Architekt tut nur das, was unbedingt getan werden muss.
Der Architekt schafft die lichteste Trennung zwischen Haus und Natur. (…) Im Haus sind die notwendigsten Dinge: ein Ofen, ein Herd, ein Tisch, ein Bett, ein Bad, eine Speis, WLAN und Bücher. Alles ist Architektur.“ www.peterhaimerl.com

Das Haus, zu dem wir am Novembertag fuhren, steht unter Denkmalschutz und wird beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege als zweigeschossiges Bauernhaus in Blockbauweise aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelistet. Mit hohem Kniestock und Giebelbalkon. Als wir das Ortsschild von Jetzing passiert hatten und um die Kurve bogen, staunten wir nicht schlecht. Wir parkten, stiegen aus und sahen: eine Ruine.
Das Haus schien schon lange leer zu stehen, das gesamte Grundstück war von Gestrüpp überwuchert. Eine grüne Plane, die das fehlende Dach ersetzen sollte, hing halb herab. Auf dem kleinen Holzbalkon im zweiten Stock hätte niemand mehr stehen können, da die ganze linke Hälfte des Hauses dem Abwärtssog der feucht gewordenen morschen Balken folgte, dem Sog des Verfalls.
Wir bahnten uns einen Weg durch den Wildwuchs und umrundeten das Haus. Ich fotografierte es von allen Seiten. Die Holzbalken im linken Bereich waren wie Bäume auf ihrer Wetterseite grün von Moos. Die in Teilen eingefallene Fassade gab den Blick ins völlig marode Innere frei. Reste vergammelter Einrichtung waren zu sehen, Tisch, Bett, Stühle, Schrank, Fetzen von Textilien. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Haus nach dem Weggang oder vermutlich dem Tod der letzten Bewohner auszuräumen. Hier hatte gerade noch jemand gesessen, gegessen, gewohnt, am Schluss vielleicht nur noch gehaust. Sobald das Dach undicht wird, sagte der Bauingenieur, geht es schnell.

Die Natur holt sich, was ihr entrissen wurde, zurück. Neben dem schiefen Hauseingang klaffte ein Loch in der aufgemauerten Wand, aus dem unzählige leere Konservendosen und Unrat quollen. Auf einmal erfasste mich ein unbeschreiblicher Fluchtinstinkt. Ich musste weg. Sofort! Keine Sekunde länger wollte ich in der Nähe des verfallenen Hauses bleiben. Etwas absolut Feindseliges und Ungutes ging von ihm aus. Der Impuls war deutlich und stark. Dunkelste Kräfte am helllichten Tag. Naja, so hell war der Nachmittag nicht, Nieselregen fiel.
Ich denke, während ich das schreibe, an „Jagdszenen aus Niederbayern“, das Theaterstück von Martin Sperr aus dem Jahr 1965, das „die Jagd von Menschen auf Menschen und die Zusammenrottung zu solchem Vergnügen“ im Nachkriegsdeutschland zum Thema hat.
Wer weiß, wer im Haus in Jetzing gewohnt hatte, wer weiß was hier einmal geschehen war, wer weiß um die Verwerfungen, Zwiste, Blutfehden, Übergriffe, Hässlichkeiten, denen das Haus früher als Kulisse diente. Orte und Gebäude sind Speichermedien von sichtbarer und unsichtbarer Vergangenheit.

Peter Haimerl ist in Viechtach geboren, er stammt aus dem Bayerischen Wald. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, das Haus in Jetzing zu retten, so wie er zuvor das alte Waidlerhaus gerettet hatte. Im Einvernehmen mit der Denkmalbehörde. Den Leuten aus dem Bayerischen Wald werden harte Schädel nachgesagt. Sogar ein Bauherr war bereits gefunden, den Peter Haimerl von der Idee überzeugt – oder muss es heißen begeistert hatte – und der Haus und Grundstück kaufte.

Der Umgang mit Geistern ist selten lässig. Wer gegen die Zeit und die Kräfte der Natur arbeitet, benötigt einen starken Willen. Wäre in Jetzing die Entscheidung für den Zerfall des Hauses gefallen, wäre auch das Baurecht an der Stelle erloschen. Das Grundstück mit dem weiten unverbauten Ausblick in die hügelige Landschaft ist zweifellos schön. Handelt es sich beim Umbau des Hauses in Jetzing also um eine Art Pakt mit dem Teufel, den Menschen schließen, um… ja, warum eigentlich? Um die Vergänglichkeit der Dinge auszutricksen? Um zu beweisen, dass es doch möglich ist, durch Wände zu gehen, Kopf voraus?

Zeitsprung. Juli 2026. Einweihungsparty in Jetzing. Wieder biegen wir um die Kurve, wieder traue ich meinen Augen kaum. Der Himmel strahlt weiß-blau, rund um das Haus wächst perfekter Rollrasen, kein Blättchen Klee. Obstbäume wurden gepflanzt. Der Ort hat sich komplett verwandelt.
Eine Menge Leute in Sommerkleidung tummelt sich rund um das Haus, Sektgläser in den Händen und Weingläser mit zart lila Spritzgetränken, in denen Strohhalme stecken, Eiswürfel klingeln und Blaubeeren schwimmen. Abseits unter Sonnenschirmen bereiten die Caterer das Buffet vor. Aus dem sterbenden Bauernhaus wurde ein architektonisches Vorzeigeprojekt.

bauenrhaus in Jetzing, 2026

Die zugrunde liegende Idee: Der Holzblockbau wird im Verfallszustand angehalten und konserviert, die morschen Fassadenteile und Innendecken entfernt, ein auf Stahl stehender „Tisch“ überdacht das Gebäude. Unter dem neuen Giebeldach entsteht ein großzügiger Wohnraum, der an beiden Giebelseiten vollverglast ist und dadurch im Inneren Baumhausfeeling vermittelt. Die weiß lasierten, leicht schräg gestellten Stahlträger schieben sich durch die alte Holzstruktur. Eine ebenfalls weiß gestrichene Wendeltreppe verbindet die Stockwerke. Es gibt zwei Schlafzimmer und zwei Badezimmer. Die Steckdosen sind hinter Holz versteckt. Im Baumhaus oben befindet sich die offene Küche. Ein zweiter Küchenblock ist im Erdgeschoss untergebracht. Mittels einer raffinierten Zugtechnik kann der untere Teil der Außenwand aus Doppelsteg-Kunststoffplatten hochgezogen werden, sodass die Küche zur Sommerküche wird.

Der vordere Teil des Hauses, dort wo die Zwischendecken bereits eingestürzt waren, bleibt über zwei Stockwerke nach oben offen. Der lose Innenputz wurde entfernt, die alten Putzträger aus Holz verzieren gleich Strichmustern die Innenwand. Das gesamte Erdgeschoss hat eine neue Bodenplatte aus Beton erhalten. Ein steinerner, einbetonierter Wassertrog markiert die Grenze von Innen und Außen. Er erinnert an die Brunnen vor den Bauernhäusern und darf bei einem Haimerl-Bauernhaus nicht fehlen. Das Wasser fließt aus einem schlanken Edelstahlrohr und hält im Trog das Bier in den Kästen kalt.

Und die Geister? Unter den Festgästen wird gemunkelt, es sei nicht alles glatt gelaufen auf der Baustelle. Aber auf welcher Baustelle läuft schon alles glatt. Ich bin beeindruckt von der Detailgenauigkeit, den versenkten kleinen runden Lichtschalten und dezenten Lichtleisten, den weißen Badarmaturen, die toll zum dunklen Blockbau passen, dem runden Lichtloch im Dach. Minimalistisch und cool. Selbst die Spinnennetze in den Ecken der offenen Stube scheinen sorgfältig kuratiert. Aus dem Haus wurde ein eigenwilliges Kunstwerk.

Ich versuche, das neue Haus zu verstehen. Was ist das, was hier entstand, abgesehen von einer nie dagewesenen Denkmalsanierung?
Das Neue verbirgt nicht das Alte, es zeigt den Verfall, führt ihn vor in einer Inszenierung. Eine Freundin, der ich die Fotos zeige – vorher/nachher – meint, es erinnere sie an plastinierte Leichen. Haimerl polarisiert.
Das Stahlgerüst, das sich durch den Blockbau schiebt, könnte man auch als Korsett interpretieren, als stählerne Lunge, die das Haus am Leben hält, obwohl es bereits gestorben ist. Man könnte sagen, das ehemalige Haus wird nur noch zitiert.
Als Norman Forster das Berliner Reichstagsgebäude mit einem Baldachin aus Stahl überdachen wollte, hat man seinen Entwurf zwar ausgezeichnet, aber gebaut wurde eine Kuppel. Ein Baldachin überdacht und hebt hervor. Er mischt sich nicht ein in das, was er unter sich schützt. Er bildet einen Rahmen. Auch so ließe sich das neue/alte Haus deuten. Das Alte ist das Heilige. Was hier entstand ist ein Reliquienschrein. Im Übrigen soll das Haus in Jetzing als Ferienimmobilie genutzt und vermietet werden. Die Sauna im Garten und zwei zusätzliche Übernachtungsboxen sind noch nicht ganz fertig. Am Rand des perfekten Rasens wachsen Mirabellen, der Baum war schon vorher da. Der Ausblick, wenn man auf der Bank an der Hauswand im Norden sitzt, entspannt.

Es ist klar, dass sich unruhige Geister, wo gefeiert wird und Menschen fröhlich beisammen sind, nicht zeigen. Vielleicht gefällt es ihnen sogar. Vielleicht beruhigt es sie. Haimerl hat die Geister des Hauses mit dem Umbau beschworen. Sind sie verschwunden? Ich weiß es nicht.