Wenn ich eine Frau des Jahres 2022 küren könnte, wäre es eine schon lange gestorbene: Die Friedensnobelpreisträgerin von 1905 Bertha von Suttner. Kurz nachdem im Februar dieses Jahres der Krieg um und in der Ukraine ausbrach, fing ich an, ihre Bücher zu lesen. Zuerst die umfangreichen Memoiren, danach ihren Beststeller „Die Waffen nieder!“. Letzteres wurde 1889 veröffentlicht und beschreibt den Leidensweg einer österreichischen Frau in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Martha, so der Name der Frau, heiratet in jungen Jahren einen ambitionierten Soldaten, der im Moment der Geburt des ersten Kindes an die Front berufen wird und fällt. Auch der zweite Ehemann ist Offizier, allerdings hegt er eine wachsende Abneigung gegen den eigenen Berufsstand und das Töten auf den Schlachtfeldern. Vier Kriege erlebt Martha und schildert, wie sie zur Verfechterin der Friedensidee wird. Ihr innig geliebter zweiter Mann, gebürtiger Preuße, überlebt in der Österreichischen Armee den Deutsch-Dänischen Krieg von 1865 und den Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866. Danach quittiert er den Militärdienst. Bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 hält sich das Paar mit den inzwischen zwei Kindern in Paris auf. Der Ehemann wird von den Kommunarden standrechtlich erschossen, da ein Brief aus Berlin bei ihm gefunden worden war.

Auch Marthas Vater und zwei ihrer Geschwister werden indirekt zu Opfern von Kriegen. Vater und Schwestern sterben an der Cholera, die nach dem Deutschen Krieg in Österreich wütete. Der jüngste Bruder, ebenfalls Soldat, stirbt im Gefecht. Durch das gesamte Buch zieht sich, neben der Schilderung der dramatischen Ereignisse, eine Diskursebene des Für und Wider von Kriegen. Erschütternd an der Lektüre im Jahr 2022, also Hundertdreiunddreißig Jahre und zwei verheerende Weltkriege später, ist, wie sich etliche der Argumente für die Militarisierung und damit gegen den Frieden damals und heute gleichen. Denn jedes Argument für totbringende Waffen ist ein Argument, das den Krieg begünstigt, auch wenn es Politikerinnen und Politiker anders zurechtdrehen mögen. In der einen Hand Verträge für Waffen und Panzer und mit der anderen den Ölzweig schwenken funktioniert einfach nicht.

„Sowohl Macht als Wille sind – in den Kreisen der Diplomatie und der Regenten – noch nicht genügend in der Richtung des Friedensgeistes entwickelt, noch stehen sie im Bann des jahrtausendealten Genius des Krieges.“

Bertha von Suttner

Das Buch „Die Waffen nieder!“ erschien in 37 Auflagen und wurde in 12 Sprachen übersetzt. Es traf damals einen Nerv der Zeit. Europa befand sich an der Wende zum 20. Jahrhundert im Umbruch und war reif für pazifistische Ideen. Einige der Initiativen, die damals in die Welt kamen, bestehen bis heute fort. Allen voran der Ständige Schiedshof in Den Haag, dessen Gründung auf den Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 basiert, und der zur Schlichtung internationaler Konflikte eingerichtet wurde. In ihren Memoiren beschreibt Bertha von Suttner den zähen diplomatischen Vorlauf, bis diese ersten Friedenskonferenzen zustande kamen. Die frühen Friedensinitiativen gingen von Intellektuellen wie Victor Hugo, Leo Tolstoi und Angehörigen der gesellschaftlichen Oberschicht aus, von Adeligen, verdienten Angehörigen der Armee, Leuten, die Zutritt zu den Häusern der Herrschenden hatten und diese Kontakte nutzten. Oberste Zielsetzung war die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts, das zwischenstaatliche Konflikte schlichten sollte, sodass kriegerische Auseinandersetzungen überflüssig würden und – so von Suttner: „dass im Verkehr der Kulturnationen der Zustand der Gewalt durch den Zustand des Rechts ersetzt werden soll und kann.“ Es war ein Appell an die Vernunft in der Politik im Angesicht des Elends und des Leids, das jeder Krieg für Soldaten und die Zivilbevölkerung mit sich bringt. 

Der Den Haager Schiedshof ist heute zwar kein Gericht im eigentlichen Sinne, aber er bietet Streitparteien Strukturen, um Konflikte durch ein Schiedsgericht beizulegen. Ebenfalls heute in Den Haag ansässig ist der Internationale Gerichtshof als Hauptgerichtsinstanz der Vereinten Nationen. Er wurde 1945 gegründet und nahm im April 1946 seine Arbeit auf. Eine jüngere Institution im Dienst des Friedens stellt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag dar. Er ist für 123 Staaten (60% aller Staaten der Erde; ca. 30% der Weltbevölkerung) zuständig und seit Juli 2002 tätig. In die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs fallen die vier maßgeblichen Verbrechen des Völkerstrafrechts: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Hannah Arendt befand ihrerzeit, es solle besser Verbrechen gegen die Menschheit heißen), Verbrechen der Aggression und Kriegsverbrechen.

Kriege werden von Machthabern angezettelt, von Königen und Königinnen, von Präsidenten, Kanzlern, Staatsoberhäuptern, Diktatoren. Mit Ausbruch eines Krieges und der sogenannten Mobilmachung wird die Bevölkerung der kriegsführenden Länder in den Stand der Leibeigenschaft versetzt. Körper und Leben der Menschen gehören auf einmal dem Staat, der über sie verfügt wie über das Leben von Sklaven. Das ist natürlich in post-monarchischen, demokratischen Gesellschaften alles andere als zeitgemäß.

Mit dem Internationalen Strafgerichtshof und der Ad-hoc Schaffung von Internationalen Strafgerichtshöfen für bestimmte Konfliktregionen ist daher eine Möglichkeit gegeben, Staatsoberhäupter zur Verantwortung zu ziehen. Mit Hilfe des Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien konnte beispielsweise der Jugoslawien Krieg beendet werden. In der arte Mediathek ist derzeit der Film „Jagd nach Gerechtigkeit. Das Tribunal von Den Haag“ zu sehen. Er zeigt den schwierigen Weg der damalige Chef-Anklägerin Louise Arbor, bis es erstmals 1999 zu einer Anklage gegen einen amtierenden Staatschef wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kam. Slobodan Milosevic konnte verhaftet werden, bevor seine Immunität als Bedingung für einen Waffenstillstand mit der NATO verhandelt wurde.

Für eine Anklage und den daraus resultierenden internationalen Haftbefehl gegen Wladimir Putin werden bereits seit Anfang des Ukraine-Kriegs Beweise gesammelt. Obwohl Bertha von Suttner mit diesen Entwicklungen sehr zufrieden sein könnte, wäre sie sicher entsetzt, erschüttert, enttäuscht darüber, dass weiterhin Kriege geführt werden in der Welt und zwar immer noch mit Beteiligung europäischer und amerikanischer Waffen, Truppen und Logistik. Abrüstung, nukleare Entsagung, eine Politik des Friedens, die den Namen wirklich verdient, stehen noch immer nicht auf der Agenda der Regierenden.

„Edle Motive (wie das eigentlich bei jedem Krieg der Fall zu sein pflegt) beseelten die meisten. Man will ‚befreien‘, man will Unrecht in Recht verwandeln, man will dem Vaterland dienen und opfert sein Leben. Ziel und Zweck können ja lobenswert sein; das Unglück ist nur, daß das Mittel so unheilig und verkehrt ist.“

Bertha von Suttner

Bertha von Suttner, 1843 in Prag geborene Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, starb im Februar 1914, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. 1905 hatte sie als erste Frau den Friedensnobelpreis in seiner fünften Ausgabe erhalten. Der Preis war von Alfred Nobel, dem Erfinder des Dynamit und Freund und Briefpartner Bertha von Suttners gestiftet worden.

Alfred Nobel glaubte ernsthaft, dass seine explosive Erfindung dem Frieden dienen würde. In ihren Memoiren zitiert ihn Bertha von Suttner mit den Worten: „Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, daß dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden.“ Und an anderer Stelle sagte Nobel zu Suttner: „Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg noch früher ein Ende machen als Ihre Kongresse: an dem Tag, da zwei Armeekorps sich gegenseitig in einer Sekunde werden vernichten können, werden wohl alle zivilisierten Nationen zurückschaudern und ihre Truppen verabschieden.“

Dieselbe Argumentation, Frieden schaffen durch Abschreckung und Waffen, besteht bis heute fort. Dabei führt Aufrüstung nur zu immer mehr Aufrüstung. Die aktuelle Situation in der Ukraine zeigt, dass selbst das Vorhandensein von Atomwaffen in Europa und den USA einen russischen Präsidenten nicht davon abzuhalten vermochten, Krieg zu führen. Trotzdem wird weiterhin mit Abschreckung argumentiert. In der Süddeutschen Zeitung vom 10. Dezember sagt der Chef der Rüstungsfirma KNDS, dem größten Panzerbauer Europas: „Der Sinn von Rüstung liegt in der Abschreckung, nicht im Krieg. (…) Wir haben Krieg, weil es nichts gab, was Putin abgeschreckt hat.“ Hier sollte lautes Hohnlachen erklingen! Nur eine Interviewfrage später geht es dann schon nicht mehr nur um Abschreckung, sondern um den konkreten Einsatz und die Gefechtstauglichkeit eines neuen Waffensystems, einer Panzerhaubitze, die aus der Fahrt schießen kann. „Wir sind darauf sehr stolz, das ist schon eine Revolution. Aus der Bewegung zu feuern bedeutet, dass ein solches Geschütz durch feindliche Artillerie kaum noch zu bekämpfen ist. Das ist ein echter Game Changer.“ – Waffen töten, dafür sind sie gebaut, nicht um so zu tun, als könnten sie töten! Game Changer? Allein an dieser Wortwahl merkt man den ganzen dummen Zynismus des Waffenhandels. Krieg ist kein Spiel, kein Game. Im Krieg sterben unschuldige Menschen, tausendfach. Noch mehr verlieren ihre Wohnung, ihre Lebensgrundlagen, Frauen werden brutal vergewaltigt, ganze Landstriche vermint.

„Wenn zwei Heere gleicher Waffenstärke miteinander kämpfen, so gehört der Sieg demjenigen, dessen Führer der Barmherzigere war.“

Lao-Tse

Pazifist*innen damals und heute wird von den Befürwortern gewaltsamer Lösungen Naivität vorgeworfen. Ein Totschlagargument, was sollte man auch anderes erwarten. Mit dem Vorwurf der Naivität wird dem Gesprächspartner, der Gesprächspartnerin mit einem Streich das Wort entzogen. Im Sinne von: „Halt den Mund, du hast keine Ahnung, du bist naiv wie ein Kind. Wir dagegen sind die Erwachsenen und wissen, was Sache ist.“ Doch wer das Gegenüber mit dem Argument der Naivität zum Schweigen bringen will, hat in der Regel nur keine besseren Argumente parat und möchte auch gar nicht hören, was der oder die andere zu sagen hat.

Wer für Waffengewalt plädiert ist der Logik des Kriegs bereits verfallen, einer Logik, die nur Freund und Feind, Schwarz und Weiß, entweder oder kennt. Keine Zwischentöne und sorgfältigen Differenzierungen, vor allem kennt diese Argumentation keine Suche nach Lösungen, die jenseits von Hü und Hott liegen. Wer für Waffengewalt bzw. Abschreckung durch Waffen plädiert, was im Grunde auf dasselbe hinausläuft, schaut nicht besonders weit. Gewaltanwendung ist ein Zeichen von Ohnmacht.

Echter Friede jedoch braucht Weitsicht und eine Politik der beharrlichen Schritte, selbst wenn sie klein sind. „Ideen schreiten langsam, Ereignisse schnell.“ Schrieb von Suttner und wendete sich gegen jegliche Argumentation, „die sich auf die Aufeinanderfolge der Ereignisse, statt auf deren Zusammenhang und auf die Ursachen stützt,“ dagegen sei jedoch schwer anzukommen. Denn: „Es gibt Geister, die auf dem Schachbrett des sozialen Lebens absolut nicht weiter blicken können als von einem Feld, von einem Zug zum nächsten.“ Der Ausbruch eines Kriegs geschieht nicht von heute auf morgen. Jeder eskalierende Konflikt besitzt eine meist lange Vorgeschichte. Das lehrt die Konfliktforschung. Seit Bertha von Suttners Zeiten, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden auf dem Gebiet der Friedens- und Konfliktforschung sehr viele Initiativen gestartet und Forschungsfelder beackert. Sowohl im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements wie im Bereich der Wissenschaft. An zahlreichen deutschen und internationalen Universitäten werden Peace Studies gelehrt (siehe z.B. Linkliste bei der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V.) Es gibt umfangreiche, wissenschaftlich erforschte Erkenntnisse zu den Themen Gewaltfreiheit und gewaltfreier Widerstand. Das Wissen ist da. Warum wird es so wenig genutzt? Dieselbe Frage kann man sich ja auch stellen in Bezug auf Klima und Umwelt. Apropos: Kriege schaden dem Erdklima. Der Ausstoß an CO2 durch Feuerwaffen und das Ausmaß der Zerstörung von CO2 bindender Biosubstanz, von Wäldern und intakten Humusböden, können nur katastrophal genannt werden. Ich zitiere aus einem Aufsatz aus der „Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik (ZfAS)“ vom September 2022:

„Verschärfen sich Konflikte zu kriegerischen Auseinandersetzungen, sind die Folgen für Umwelt und Klima besonders dramatisch. Zwischen 2003 und 2007 waren die jährlichen CO2-Emissionen des Irakkriegs höher als die jährlichen Emissionen von 139 Nationen der Welt. Ebenso führt die durch Kriegshandlungen verursachte Zerstörung von Ökosystemen einerseits zu direkten Umweltschäden und andererseits, wie das Beispiel der Entwaldung deutlich zeigt, zu einer Verringerung der klimaregulierenden Funktionen von Ökosystemen. Darüber hinaus hat der militärische Sektor auch in Friedenszeiten enorme CO2-Emissionen zu verzeichnen und trägt als „öldurstigster“ Sektor der Welt stark zum Klimawandel bei. (Daniela Pastoors, Lukas Drees, Thomas Fickel, Jürgen Scheffran: „Frieden verbessert das Klima“ – Zivile Konfliktbearbeitung als Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation)

Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung hat im April dieses Jahres 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt für Forschungsvorhaben auf dem Feld der Friedens- und Konfliktforschung. Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierungen nicht nur Geld gibt – im Gegensatz zu 100 Milliarden für Rüstung sind es Peanuts –, sondern die Forschungsergebnisse auch politisch nutzt und umzusetzen beginnt.

Bertha von Suttner wusste, dass Anhänger*innen der Friedensidee einen langen Atmen benötigen, auch über die eigene begrenzte Lebenszeit hinaus. Einiges von dem, wofür sie schrieb und kämpfte, wurde bereits erreicht. Noch immer zu wenig. Frieden will gelernt sein, Konflikte gewaltfrei zu lösen benötigt Schulung und Wissen um die Möglichkeiten der Gewaltfreiheit und des gewaltfreien Widerstands. Wenn ich einen Wunsch zum Ende von 2022 frei hätte: Ganz Europa sollte eine Art Friedensinkubator der Welt werden, das heißt keine Waffenlieferungen und keine Munitionslieferungen an Kriegsparteien. Konfliktparteien beharrlich zu Verhandlungen aufrufen, Anreize für Friedensgespräche setzen und vermitteln. Friedenserziehung auf allen gesellschaftlichen Ebenen etablieren. Friedenskunde zum Schulfach machen, mit praktischen Übungen. Den „Genius des Krieges“ verhungern lassen. Den Frieden nähren.

Der Dichter Tolstoi riet seinen Landsleuten, sie sollten anstatt den Krieg zu kritisieren und dabei die Uniform weiter zu tragen, sich lieber einzeln weigern, Soldat zu werden und die Waffen zu gebrauchen. Das klingt wie ein Spruch aus meiner Jugend: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Ich fand den Spruch immer ziemlich cool und tue es heute noch. Etliche russische und ukrainische Männer verlassen mutig ihre Länder, um nicht kämpfen zu müssen. Mehr davon!