Im Theater gewesen


Zum Abschluss des Spielart Theaterfestivals doch noch ein kleines feines Highlight: Zachary Oberzan aus New York mit einem Stück über zwei Brüder. Zachary Oberzan ist Mitglied des „Nature Theatre of Oklahoma“, das bereits 2007 mit „NO DICE“ bei Spielart zu sehen war. In „Your Brother. Remember?“ sitzt er alleine auf der sonst leeren Bühne, eine Gitarre zu seiner Linken, hinter ihm auf Kopfhöhe hängt eine Leinwand. Die beiden Brüder, um die es nun gehen wird, sind er selbst und sein älterer Bruder Gator. Als Teenager waren Zachary und Gator begeisterte Fans von den Filmen Jean-Claude van Dammes. In Vorwegnahme dessen, was heute auf YouTube gängige Videopraxis ist, stellten die Zachary-Brüder einige der Kampffilme van Dammes nach und hielten den lustvollen Dilettantismus ihrer Schauspielerei mit einer simplen Videokamera fest. Zwanzig Jahre später trafen sich die beiden Brüder wieder, um ein Remake der Amateurvideos zu drehen – Szene für Szene, mit den gleichen Dialogen, Kostümen und Requisiten. (more…)

Nach 90 Minuten ist das Stück, wie angekündigt, zu Ende. Die Spielanleitung könnte aus einem Performance-Handbuch stammen (falls es so etwas gibt): Man setze einen Rahmen – Zeit und Raum – denke einige Spielregeln aus, den Rest überlasse man dem Zufall und der spontanen Eingebung der Performierenden. Die Zeit: Besagte 90 Minuten. Der Raum: Ein Wohnraum, das Zimmer einer Studentin, Tisch, vier Stühle, allerlei bunter Krimskrams, hübsch, ordentlich. Die Spielregeln: Zwei junge Frauen spielen sich selbst und verbringen eineinhalb Stunden damit, auf offener Bühne spontan zu sein. Eine dritte, die „Regisseurin“ Cuqui Jerez, sieht ihnen dabei zu und tippt Kommentare in ein Laptop. Den Kommentartext kann man auf einer Leinwand live mitverfolgen.
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„Hast du die Christen gesehen, vorne? Herrlich!“ – Die besten Theatersätze fallen oft nicht auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum. So auch dieser, der sich auf ein Grüppchen blasser Gläubiger vor den Türen der Münchner Kammerspiele bezog. Die Gläubigen draußen protestierten gegen die „unaussprechlich gemeine Lästerung unseres Herrn Jesus Christus!“ durch das Stück „On the Concept of the Face, Regarding the Son of God“ des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci. Das Stück tourt bereits seit einiger Zeit durch Europa und wurde von der Presse zum Skandalstück erklärt, wenn nicht sogar geadelt.
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Der studierte Jazzsänger und Logopäde Jakob Ampe, Jahrgang 1980, und der zwei Jahre jüngere Schauspieler und Tänzer Pieter Ampe sind Brüder. Ihr gemeinsamer Aussöhnungsversuch mit sich selbst und der Vergangenheit beginnt als eine Art Urschreitherapie. Erst mal alles rauslassen, ungefiltert und laut! (more…)

Als Frau möchte man ja immer wissen, was Männer machen, wenn keine Frau dabei zusieht. Wir Frauen, wenn wir unter uns sind, reden viel, auch – oder gerade – über Intimstes. Von Männern können wir uns das schlecht vorstellen. In unserer Phantasie sind die meisten Vertreter des anderen Geschlechts auf die eine oder andere Weise sozialschwache Wesen. Nur in der Begegnung mit einem singulären Mann werden wir gelegentlich vom Gegenteil überzeugt. Dem Mann im Kollektiv gelingt das selten bis nie.

Das Tanzkollektiv Les SlovaKs bot nun bei DANCE einen fröhlichen Einblick in diese Welt, die normalerweise der Betrachterin verborgen bleibt. Les SlovaKs, das sind Milan Herich, Anton Lachky, Milan Tomasik, Peter Jasko, Martin Kilvady und, zuständig für die Musik, Simon Thierrée. Die fünf Slovaken leben heute in Belgien. Einige von ihnen tanzten schon als Kinder in Folkloregruppen, alle studierten zeitgenössischen Tanz an Anne de Keersmaekers Schule P.A.R.T.S. in Brüssel. In Companien wie Rosas oder Ultima Vez trafen sie sich später wieder, und seit 2006 tanzen die SlovaKs in eigener Choreographie. In Rückbesinnung auf die gemeinsamen slowakischen Wurzeln nennen sie ihren Stil „New traditional dance“. So mischen sie Folkloreelemente mit Improvisation und Slapstick. Jeder ist zugleich Solist und Gruppenmitglied, Zuschauer und Akteur. Simon Thierrée spielt zu vorab aufgenommener Musik live Geige und ein Balkaninstrument, ähnlich einer Mandoline. Das neue Osteuropa meets western tradition. Die Unbefangenheit der Tänzer macht Laune. Die im internationalen Westen gepflegten Traditionen des zeitgenössischen Tanzes befreien sie gekonnt aus dem Korsett der Perfektion. Sie tragen komische, uncoole Kostüme, sie stolzieren, tanzen paarweise, wackeln comicartig mit den Köpfen, drehen sich, springen, stampfen, verknäulen sich ineinander auf dem Boden wie junge Hunde. Manchmal singen sie auch mehrstimmig. Sie tanzen und tollen herum wie, ja, wie vermutlich Männer, wenn ihnen keine Frau dabei zusieht. Ihnen zuzusehen aber bereitet großen Spaß!

DANCE 2010: Les SlovaKs mit „Journey Home“, Choreographie und Tanz: Les SlovaKs Dance Collective

Theaterfestival SPIELART, München: Far A Day Cage aus der Schweiz mit „Pate I-III“ (Dauer: 210 Minuten) und Gob Squad mit „Gob Squad’s Kitchen (You’ve never had it so good)“

I.
Das SPIELART Theaterfestival geht zu Ende mit „Gob Squad’s Kitchen“, einem Stück das zu den Anfängen geht. Den Anfängen des Pop und der Pop Art, zu Andy Warhol. This is, where it all startet: Eine Küche, auf die eine Videokamera gerichtet ist. Inspiriert von Warhols Kurzfilm KITCHEN, seinem ersten Tonfilm aus dem Jahr 1965. Wie im Original hängen auch in Gob Squad’s Kitchen einige junge Leute in einer Küche ab. Sie trinken Kaffee, schauen in die Kamera, versuchen sich in sexuellen Posen, demonstrieren absolute Oberflächlichkeit. Flankiert wird die Küchenszene von den Doubles der Warhol Filme SLEEP bzw. KISS und SCREENTEST. Einer der roten Fäden des diesjährigen Festivals zieht sich auch durch dieses Stück postdramatischen Theaters. Es passiert nämlich eigentlich nichts. Dass „eigentlich nichts“ ziemlich witzig und unterhaltsam sein kann haben verschiedene der eingeladenen Produktionen bereits gezeigt.
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Theaterfestival SPIELART: „Spectacular“ von Forced Entertainment.

Wenn ich heute einen oder mehrere SpectacularTheater Oscars zu vergeben hätte, dann würde „Spectacular“ schon zur Halbzeit des Spielart Festivals den Oscar für das beste Stück erhalten. Außerdem den Oscar für den besten Text, den besten Hauptdarsteller, die beste weibliche Nebenrolle, das beste Bühnenbild, die beste Musik und einen doppelten Oscar für das beste Kostüm.
Das nicht vorhandene Bühnenbild und die nicht vorhandene Musik müssen wir uns vorstellen, deswegen sind sie so großartig. In „Spectacular“ hat der Tod das Theater längst geholt. Nur das Publikum sitzt noch im Zuschauerraum, und ein Schauspieler, der den Tod spielt ist auf der Bühne, und Claire, die stellvertretend stirbt.
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Theaterfestival SPIELART: Philippe Quesne / Vivarium Studio (Frankreich)

Eine alte Zuschauerregel im Theater besagt, nie die zweite Vorstellung eines Stückes zu besuchen. Im Fall von „La mélancholie des dragons“ blieb aus Zeitgründen nichts anderes übrig, was zur Folge hatte, dass schon am Premierenabend geflüstert wurde, das Stück sei „richtig gut“ bzw. das Stück sei „ziemlich belanglos“.

Es gibt solche Stücke, die den einen ein konspiratives Lächeln der Begeisterung ins Gesicht zaubern, andere dagegen irgendwie blöd aussehen lässt, weil sie nicht wissen, was sie mit einem Stück anfangen sollen, in dem es offenbar um nichts geht. Letztere drängt das Stück in die Rolle des versetzten Liebhabers, zum Beispiel des freien Theaters. Dass man von einem Theater versetzt wurde, welches man doch eigentlich so liebt ist schlimm. Aber so ist das eben in langjährigen Liebschaften: Beide Partner verändern sich, langsam und unmerklich. Man meint, den anderen zu kennen, man hält sich gewissermaßen für eine Art Experten für das geliebte Andere, das einem jedoch nie ganz angehörte. Man liebte insbesondere die Freiheit des Anderen, zum Beispiel des freien Theaters, die man selbst vielleicht nie besaß.

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Theaterfestival SPIELART: Muziektheater Transparent / Collegium Vocale Gent aus Belgien mit dem Stück “RUHE”.

I.
Die leergeräumte Muffathalle steht voller alter Stühle. Stühle aus Holz und solche mit abgesessenen Polstern, ganz unterschiedliche Stühle. Sie stehen in mehreren lockeren Reihen, kreisförmig, zufällig, so als ob gerade schon eine Gruppe von Leuten hier gesessen wäre und die Stühle danach nicht wieder ordentlich hingestellt worden sind. Das Publikum strömt in den Saal, jeder sucht sich einen Stuhl. Noch während alle Platz nehmen steigen andere auf ihre Stühle hinauf und fangen an zu singen. Das passiert zunächst beiläufig, jeder der Anwesenden könnte ein Sänger sein, jeder, so meint man, der singen möchte, steigt einfach auf seinen Stuhl. Und diejenigen, die nicht singen und sitzen bleiben, sind inmitten des Gesangs, von Liedern geborgen. Eine Anordnung wie ein Wir-Gefühl. Es sind wir, die diese mehrstimmigen schönen Schubert-Lieder singen, es sind unsere Körper, in denen der klare berührende Gesang seine Heimat hat, und unsere eigene deutsche Sprache ist es, die auf so behutsame Weise das Wesentliche zu erfassen vermag.
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Theaterfestival SPIELART:
Die Gruppe PLASMA (Schweiz) mit “Tip of the Tongue”.

Vier Herren in schwarzen Anzügen. Zurückgegelte Haare, weiße Hemden, bleiche Gesichter. Bankangestellte oder Vortragsreisende. Quentin Tarantinos Mr White, Mr Orange, Mr Blonde und Mr Pink aus dem Film “Reservoir Dogs” könnten Paten gestanden haben.

PLASMA

Vier Männer an fünf Stehpulten. Oder besser Leuchtkuben. Ein Hin- und Hergehen, Stellung beziehen, nach Wassergläsern Greifen, trinken, absetzen. Anzugjacken werden ausgezogen und in einer Bewegung wieder angezogen. Rechte Hände fassen an linke Ohrläppchen. Geometrische Figuren auf Papptafeln werden in die Luft gehalten. Jede Papptafel erzeugt einen anderen Ton. Ein Schild fährt auf ferngesteuerten vier Rädern von rechts nach links: “RELAX. There is nothing to understand.”
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