„Die Stadt war schön und leer.“ (Robert Walser)

Man darf mit einem Hund spazieren gehen, aber nicht mit einem Freund. Man darf wohl auch mit zwei oder drei Hunden spazieren gehen und trotzdem nicht mit einem Freund. Das macht die Suche nach der verborgenen Sängerin für Franz und mich schwierig. Franz pirscht nun nachts mit der Kamera aus dem Haus. Ich versuche mich in der Kunst der Gestaltwandlung und übe, ein Hund zu werden. Bisher mit unklarem, etwas kopflosem Erfolg.

Foto_by_Franz-Kimmel


Transformation, ist es das, worum es geht in diesen Tagen des verordneten Weltverlusts? Denn wozu sonst sollte es gut sein, sich in Klausur zu begeben, wenn nicht um verändert daraus hervorzugehen? Oder nehmen wir den Hausarrest gelassen hin, damit der Rest der Welt, während wir mal weg sind, sich ungeniert verändert?

In der Abgeschiedenheit unserer vier Wände dürfen wir von der anderen Welt schon träumen. Eine Welt ohne Flugzeuge und mit weniger Autos auf den Straßen, träumen die Verwegenen. Eine Welt voll gegenseitiger Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft, träumen die Friedfertigen. Eine Welt der geschlossenen Grenzen, träumen die Ängstlichen. Eine Welt, in der ich per Dekret regiere, träumt so mancher Minister. Eine Welt ohne Kinos, Theater, Museen, Bibliotheken, Cafés und Wirtshäuser, bürgerliche Freiheitsrechte…

Abgesehen von den Alpträumen sähe meine erträumte Welt derjenigen, die draußen gerade sichtbar wird nicht unähnlich. Eines der mir liebsten Zitate der Weltliteratur aller Zeiten hat sich von Prosa in Realität verwandelt. Jetzt sind die Städte einmal wirklich schön und leer, wie Robert Walser es lange schon vorausträumte. Bis vor zwei Tagen klang Walsers Satz mir als ein fein gesponnenes Oxymoron im Ohr. Ein Sehnsuchtssatz, aus dem die heitere Gewissheit sprach, dass er sich nie erfüllen würde.
Ich möchte so gerne in den nun leeren schönen Städten umhergehen, dem Atem ihrer Bewohnerinnen und Bewohner lauschen. Mir vorstellen, dass es ihnen gut geht drinnen, in ihren abgeschiedenen Behausungen hinter den Häuserwänden. Ich stelle mir die verborgene Sängerin vor, wie sie an einer beliebigen Straße in, sagen wir München/Pasing, die ersten lila Veilchen in einem Vorgarten besingt und ihre Stimme über all der Stille als eine zart berührende Verheißung bis in die Homeoffices dringt.

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Fotos: Franz Kimmel