Nichts ist von Dauer, nichts ist vollendet und nichts ist perfekt. (Prinzipien des Wabi-Sabi)

Die Suche nach der „verborgenen Sängerin“ wird unbeabsichtigt zu einer Chronik des Verschwindens von Öffentlichkeit aus dem öffentlichen Raum. Noch tanzen die Surfbretter auf der Eisbachwelle. Noch gehen die Menschen im Englischen Garten spazieren, noch joggen sie, fahren Rad, flanieren, führen Kinder an den Händen und Hunde aus. Bald soll dies alles nicht mehr sein. Bald sollen wir wie Monaden zuhause sitzen und soziale Kontakte „weitestgehend vermeiden“. Keine Küsse, keine Umarmungen mehr, kein Körperkontakt mit Freundinnen, Freunden, Fremden und Bekannten. Zusammen am Lagerfeuer sitzen und sich Geschichten erzählen, Party, Musikunterricht, Weltläufigkeit werden per Staatsdekret zu Vermeidbarem erklärt. So schnell kann es gehen. Woran erinnert das nur?

Foto_by_Franz-Kimmel


 „Die Symmetrie ist die Gestaltung des kleinen Mannes.“ So besagt es eine alte Fotografenweisheit, die Franz mir bei unserem letzten Spaziergang verriet.

Wir haben uns diesmal beim Haus der Kunst getroffen, an dessen Rückseite eine Ansammlung im Sonnenlicht blitzender Alubleche Rätsel aufgibt. Ist das ein Kunstwerk? Überreste einer Ausstellung? Flugzeugschrott? Eine Startrampe zum Mond? Oder schlicht ein Sinnbild für die Frage, wohin mich meine Sehnsucht katapultiert, eine unglaubliche Sängerin zu finden, von der niemand genau weiß, wo in dieser Stadt sie sich aufhält, und die keiner namentlich kennt?

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Wir wandern vom Haus der Kunst in den dahinter liegenden Park, von der Naziarchitektur ins Gartenidyll, so als wandelten wir eine Stadtraum gewordene Assoziationskette entlang. Sie erzählt von der Nähe des Schrecklichen und des Schönen, führt zu einer Kupferplakette, die an das „denkwürdige Zusammentreffen“ Rainer-Maria Rilkes mit Hugo von Hofmannstal und Sigmund Freud „im September 1913 hier am Eisbach“ gemahnt. Führt vom faschistischen Ewigkeitstraum zum japanischen Teehaus, das der statischen Symmetrie des steinernen Säulenpalasts seine zarte Vergänglichkeit im Schatten krummer Kiefernzweige gegenüber setzt. Ein paar Schritte weiter das moderne Japan in Gestalt einer Gruppe Manga-Kids. Ein Mädchen mit gelbem Haar, eines mit hellblauem Haar, eines mit pinkem Haar, eines mit rosafarbenem Haar, eines mit orangenem Haar, eines mit langem weißem Haar. Frühlingsblüten und Forsythien. Ursprünglich war die Manga-Kultur eine Protestkultur gegen das japanische Konsumverhalten nach dem Zweiten Weltkrieg, das dem Westen, insbesondere den Siegermächten USA und Großbritannien nachzueifern suchte, und darüber die jahrhundertealte eigene japanische Kultur vernachlässigte. Auch die Manga-Mädchen haben einen Fotografen dabei, kurz sieht er zu uns herüber, wirft einen Blick auf Franz‘ Objektiv. Aber nirgends eine Sängerin. Der einzige Gesang tönt krächzend aus den Kehlen zweier Krabat-Krähen über einem Klangteppich aufgeregten Frühlingsgezwitschers kleinerer Vogelkollegen. Und Krabat ist der Junge aus dem gleichnamigen Jugendroman von Ottfried Preußler, der sich in die Kantorka verliebte, im Sorbischen die Vorsängerin der Ostergesänge. Assoziationskette Ende.

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An der Grenze des Wahrnehmbaren befinden sich Dinge oft in Zuständen des Erblühens und/oder des Verfalls. Eine überkommene Ordnung zerbricht, das, was die alte Ordnung ablöst, hat noch kein Gesicht. Schon seltsam, wie die verborgene Sängerin fast zeitgleich mit dem Ausbruch einer pandemischen Bewegung den ländlichen Raum verlassen hat, um in Städten zu performen, während sich die Städte nun in stille Landschaften verwandeln, zumindest für eine Weile. Ich habe länger keine Informationen zur Sängerin erhalten, der Unterstützerkreis schweigt. Aber trotzdem weiß ich, spüre ich, dass sie sich nicht beirren lässt und weiter singen wird. Im Verborgenen, na klar, ob vor einem Zuhörer, zwei Zuhörerinnen oder vor vielen ist nicht entscheidend. Entscheidend ist der Gesang.

Obwohl wir sie noch nicht gesehen haben, rückt sie näher. Ihre Abwesenheit nimmt die Form eines Zwiegesprächs an. Möglicherweise fordert dieses Gespräch dazu auf, unsere eigenen Annahmen zu überprüfen. Möglicherweise muss man selbst erst unglaublich langsam werden, frei von Erwartungen und leer, bevor die Grenze des Wahrnehmbaren überschritten werden kann.

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Fotos: Franz Kimmel